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Digitaler Unterricht trotz sozialer Herausforderungen – so kann es gelingen

Schulstandorte mit hoher Belastung stehen derzeit vor besonderen Herausforderungen. Denn gerade sozioökonomisch benachteiligte Schüler*innen sind über eLearning oft nur schwer greifbar. Die Reach Academy Feltham im Westen von London zeigt, wie es trotzdem gelingen kann. 

Aufgrund der Coronavirus-Pandemie sind aktuell in 138 Ländern die Schulen landesweit geschlossen. Die OECD warnt vor steigender Bildungsungerechtigkeit weltweit und auch in Österreich droht die Schere weiter aufzugehen. Die Herausforderungen vor denen Lehrkräfte stehen – insbesondere an Schulen mit hoher sozialer Belastung – sind enorm. Jene Kinder, die schon vor Corona einen Bildungsrückstand hatten, drohen jetzt ganz den Anschluss zu verlieren. Doch es gibt auch Beispiele die Hoffnung geben, ein solches ist die Reach Academy Feltham. 

Die Reach Academy Feltham ist keine gewöhnliche Schule. Seit Jahren gilt sie in Großbritannien als Beispiel dafür, was auch für Kinder mit schwierigen Startbedingungen möglich sind. Im Schuljahr 2018/19 galten 43% der dortigen Schüler*innen als sozial benachteiligt (verglichen mit 24% landesweit), mehr als die Hälfte hat eine andere Muttersprache als Englisch. Ein Blick auf die akademischen Leistungen würde das allerdings nicht vermuten lassen: Über alle Altersstufen hinweg (2-18 Jahre) schneiden Schüler*innen der Reach Academy Feltham bei Testungen meist deutlich besser ab als der nationale Durchschnitt. 2017 erreichte die Schule in einem nationalen Ranking, das den Lernzuwachs von Schüler*innen vergleicht, unter allen Schulen in Großbritannien Platz 16.

Das Ziel: alle Kinder erreichen

Eine Woche nach Österreich schlossen am 23. März auch in Großbritannien die Schulen ihre Türen. Die Reach Academy Feltham stand nun also vor derselben Herausforderung wie die Schulen hierzulande. Mit einem schnell entwickelten, schulweiten Konzept gelang Ed Vainker, dem innovativen Schulleiter, jedoch rasch die Umstellung auf funktionierenden Fernunterricht. 

Das Ergebnis? 98% der Schüler*innen im Volksschulalter und 85% der älteren Schüler*innen erledigen bislang täglich alle Online-Aufgaben. Insgesamt machen 99% die Aufgaben zumindest teilweise. Von den rund 900 Schüler*innen der Reach Academy Feltham konnte bislang nur zu zwei kein Kontakt aufgenommen werden. Und bei diesen werde man nun besonders dahinter sein, versichert Schulleiter Ed Vainker. 

Die weitreichende Schulautonomie in Großbritannien gibt ihm hier breiten Handlungsspielraum um auf die Situation zu reagieren. Doch manche seiner Maßnahmen wären auch hierzulande umsetzbar. 

Was es braucht 

Etwa 3 Stunden eLearning täglich wird nun von den Schüler*innen der Reach Academy Feltham erwartet, nicht etwa 6-7 Stunden. Man wolle die Kinder nicht überfordern, schon gar nicht in der derzeitigen Ausnahmesituation. Für ältere Schüler*innen (17-18 Jahre) gibt es Schulstunden per Videokonferenz – in Kleingruppen mit höchstens 12 Schüler*innen, größere Gruppen seien nicht zielführend, habe sich gezeigt. Für die Jüngeren stellen die Lehrkräfte täglich drei oder vier Erklärvideos zu je 20 Minuten zusammen, anhand derer Schüler*innen dann Aufgaben erledigen. Aufgaben sind von Schüler*innen bis zum Abend des gleichen Tages per Email abzugeben, spätestens am Vormittag danach gibt es Feedback von den Lehrer*innen.

 

Entscheidend sei neben regelmäßiger, zeitnaher Rückmeldung auch den Kindern im Moment möglichst viel Struktur zu geben:  Lehrkräfte haben eine tägliche, fixe ‘Bürostunde’, in der Zeit sind sie online für Fragen erreichbar. Die Video-Unterrichtseinheiten, die sie täglich erstellen, folgen einem sehr einheitlichen Aufbau um den Kindern Routine – und somit Sicherheit – zu geben. 

 

Auch der regelmäßige Kontakt zu Eltern spiele eine wichtige Rolle: Lehrkräfte rufen einmal die Woche bei allen Eltern an, um sich nach dem Lernfortschritt der Kinder zu erkundigen. Dort, wo es notwendig ist, gibt es tägliche Telefonate. 

Auch längerfristig machbar

Was bedeutet das für die Lehrer*innen der Reach Academy Feltham? Im Schnitt arbeiten die Lehrkräfte nun 3-4 Stunden täglich im Homeoffice. Hinzu kommt eine digitale Morgenbesprechung mit Kolleg*innen um 8:30 Uhr und eine Nachbesprechung des Tages um 15:30 Uhr. Ein gemeinsames, koordiniertes Vorgehen für die ganze Schule schafft die nötige Klarheit um diese Ausnahmesituation für längere Zeit zu meistern.

Doch auch das beste eLearning kann nicht die Struktur und den Halt eines physischen Schulumfelds mit all seinen Sozialkontakten ersetzen. Und so freut sich Ed Vainker schon auf den Tag, an dem die Reach Academy Feltham den Kindern wieder ihre Tore öffnet. Den Lehrkräften und Direktor*innen hierzulande geht es wohl nicht anders. 

Über den Autor:

Gregor Kainz hat Bildungspolitik an der Columbia University in New York studiert, sowie Betriebswirtschaftslehre an der Stockholm School of Economics. Er hat drei Jahre an einer Wiener Mittelschule unterrichtet. Nun ist er Executive Assistent und leitet den Schüler*innenbeirat von Teach For Austria.

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