Männer, Männer, Männer, Männer und Marie Curie?

Wie sich naturwissenschaftlicher Fachunterricht gendersensibel gestalten lässt.

von Simon Prossliner

Simon ProsslinerFaule Buben, strebsame Mädchen, Frauen kochen, Männer erfinden – Genderstereotypen entkommt man nur schwer, vor allem im Klassenzimmer. Aber wie geht man als Lehrkraft damit um? Welche Möglichkeiten gibt es Unterricht gendersensibel zu gestalten? Und wie bringe ich Geschlechtergerechtigkeit im Matheunterricht ein? In diesem Beitrag möchte ich mich genau diesen Fragen widmen und Lehrer*innen vier Ideen für ihren gendersensiblen Fachunterricht mitgeben.

 

Olivenöl und Männlichkeit

Manchmal bedarf es konkreter Erfahrung, um Dinge wirklich zu begreifen. Um mir die Relevanz und Dringlichkeit von gendersensiblem Unterricht vollends bewusst zu machen, bedurfte es zweier Flaschen Olivenöl. Ich hatte in meinem ersten Jahr an der Schule nach meinem Einkauf am Vortag zwei Flaschen Olivenöl in meinem Rucksack vergessen. Diese hatte ich nun während der Deutschstunde kurz auf das Pult gestellt, um die Lernzielkontrollen meiner Schüler*innen aus besagtem Rucksack zu holen.

“Kochen Sie wirklich selber?” Offene Münder. Aufregung und Verwunderung waren groß. “Warum gehen sie als Mann einkaufen?”

 

Obwohl ich mich bereits während meines Studiums mit Gender und Geschlecht auseinandergesetzt, im Unterricht Gleichberechtigung und Gleichstellung unzählige Male thematisiert hatte, ließ mich diese Situation nachdenklich zurück. Die permanente, (un-)bewusste (Re-)Konstruktion von Geschlechterrollen und die damit verbundene genderspezifische Prägung hatten mir meine Schüler*innen soeben mehr als deutlich vor Augen geführt.
Als Lehrkraft blieb ich lediglich mit der Entscheidung zurück, wie ich in meinem Unterricht damit umgehe, nicht aber, ob Gender in meinem Unterricht überhaupt eine Rolle spielt. Das tut es so oder so, immer und überall. Entweder war ich Teil des Problems oder Teil der Lösung.

Gendersensibler Unterricht – Herausforderung Naturwissenschaften

Gendersensibler Unterricht beschränkt sich deshalb auch nicht auf ein Fach, wie beispielsweise Geschichte, sondern kann überall einfließen. Aus meiner Erfahrung als Trainer von Quereinstiegs-Lehrkräften in den ersten beiden Unterrichtsjahren, weiß ich aber, dass viele Lehrer*innen das Thema gerade in MINT-Fächern als besonders herausfordernd empfinden. Im Vergleich zu Sprachunterricht, Geschichte, Geographie oder etwa kreativen Fächern empfinden viele den Handlungsspielraum als eng oder den Stoff als zu abstrakt.

Gerade aber in den Bereichen der Naturwissenschaften existiert nach wie vor ein frappierender Gender Gap; wie beispielsweise ein Blick auf die Geschlechterverteilung in technischen oder naturwissenschaftlichen Studiengängen oder Berufen zeigt. Ein Blick in unsere Klassenzimmer hilft die Ursachen dafür zu verstehen.

Sind Buben faul, aber wiff und Mädchen strebsam, aber unbegabt?
Fünf Schritte zu mehr Gendersensibilität im Fachunterricht:

1. Selbstwahrnehmung, Selbstbewusstsein, Leistungsmotivation

Gerade weil naturwissenschaftliche Themenfelder in der Regel männlich konnotiert und dementsprechend mit männlichen Attributen versehen sind, weisen Mädchen in Mathematik und den Naturwissenschaften häufig eine geringere Selbsteinschätzung auf. Dementsprechend schreiben sie bei gleicher Leistung ihren Erfolg tendenziell eher Glück und Anstrengung zu, während Jungen ihrer Kompetenz vertrauen.

Diese Einschätzung hat wesentliche Folgen, da eine kompetente, positive Selbstwahrnehmung (Selbstwirksamkeit) essentiell für den Lernerfolg ist. Lehrkräfte können dem entgegenwirken: Mittels zielgerichteten, positiven Leistungsrückmeldungen und präzisem Lob kannst du das Selbstbild der Schüler*innen bewusst beeinflussen, Erfolgserlebnisse aufzeigen und den Schüler*innen ihre Kompetenz vor Augen führen. Das ist gleich doppelt nützlich, da positive Rückmeldungen und Anerkennung eine wichtige Rolle in der Ausbildung von fachlichem Interesse und Begabung spielen.

2. Bewusster Frageunterricht

“Wofür steht CH2O2?“, „Wie viel ist 12 x 13?“, „Wer hat das Telefon erfunden?“ – der klassische Frageunterricht in MINT-Fächern kann die angesprochene geschlechterstereotype Selbstwahrnehmung von Schüler*innen verstärken. Schnelles Abrufen von Schlagworten und Fachbegriffen ermöglicht es den Schüler*innen selbst mit oberflächlichen Wortmeldungen positives Feedback und Bestärkung von der Lehrkraft zu erhalten. So werden sie auch von Mitschüler*innen als kompetent wahrgenommen. Genau das kommt aber dem Alltagssprachgebrauch von Buben tendenziell mehr entgegen, in dem physikalisch-technische Begriffe durch genderstereotype Sozialisation oft fest verankert sind. Um bei Klischees zu bleiben beispielsweise Motor oder Explosion – um nicht zu sagen Explosionsmotor.

Ein bewusster Umgang damit, beispielsweise durch “Zeit zum Denken” oder durch das Begründen und Argumentieren von Aussagen, hilft der Lehrkraft nicht selbst in den Gender-Bias zu tappen.

 

Genau deshalb ist eine fortwährende Selbstreflektion und ein Hinterfragen eigener Bilder und Annahmen auch auf Seiten der Lehrer*innen so essentiell. Dann wird  das Klischee der faulen, aber begabten Buben sowie der strebsamen, aber unbegabten Mädchen auch nicht zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung.

3. Themenwahl: Autos versus Nagellackentferner?

Aufgrund  einer häufig genderstereotypen Entwicklungen weisen Jungen eine höhere Affinität als Mädchen zu MINT-Fächern und deren Fachsprache auf. Um Identifikation mit fachlichen Inhalten zu ermöglichen und unterschiedliche Interessen der Schüler*innen zu fördern, ist es wichtig, Unterrichtsinhalte in die Lebensrealität der Kinder einzubetten. Lege die Unterrichtsgestaltung thematisch so an, dass alle Kinder – unabhängig von Geschlecht und soziokulturellem Hintergrund – gleichermaßen an persönliche Alltagserfahrungen anknüpfen. Beispiele hierfür sind Naturphänomene, der eigene Körper, Themenfelder mit gesellschaftlicher Relevanz, wie etwa der Klimawandel, oder auch Alltagsanwendungen. Was mir in meiner Zeit als Lehrer geholfen hat, war geschlechterstereotype Rollenbilder explizit zu thematisieren, zu hinterfragen und Schüler*innen Position beziehen zu lassen (z. B. „Sind Technik und Physik Männersache?“). Niemand diskutiert leidenschaftlicher als Kinder, wenn es um Gerechtigkeit geht.

4. Vorbilder und gendersensible Sprache: Marie Curie allein auf weiter Flur

Kinder brauchen Identifikationsmöglichkeiten. Es reicht daher nicht stereotype Rollenbilder im Fachunterricht zu diskutieren und aufzubrechen. Genauso, wenn nicht mehr, braucht es weibliche Vorbilder, um Kindern Interessen und Berufsbilder aufzuzeigen – zum einen geniale Forscherinnen und Erfinderinnen, aber gerade auch Identifikationsfiguren aus dem persönlichen Umfeld (Familie und Community). Studien belegen, wie wichtig diese für die Entwicklung von Interessen und das Erkennen möglicher Ausbildungswege sind. Damit einher geht auch die Verwendung gendersensibler Sprache.

Wenn in der Übung neben dem Mechaniker auch die Ingenieurin zu Wort kommt, macht die Lehrkraft durch ihre gendersensible Aufgabenstellung auch auf der unterbewussten Ebene Handlungsmöglichkeiten und Karrierewege sichtbar.

 

5. Buben und Mädchen? Buben oder Mädchen? Kinder

Mädchenförderung bedeutet allerdings nicht, sich in der Unterrichtsgestaltung vollkommen auf die Mädchen zu versteifen. Im Gegenteil. Mädchenförderung bedeutet auch Bubenförderung. Die Lehrer*in sollte eine Unterrichtskultur schaffen, die genauso bei den Buben ansetzt und die Auseinandersetzung mit deren Geschlechterrollen und traditioneller Männlichkeit suchen. So dass neben der Forscherin oder der Feuerwehrfrau auch der Erzieher (Kindergarten) oder Krankenpfleger das Klassenzimmer betreten.
Vielleicht geht die nächste Diskussion ja dann über Qualität und Geschmack von Olivenöl und weniger über dessen Testosterongehalt bzw. darüber, wer es einkaufen darf und wer nicht.

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