Damit die Bildungsschere durch die Corona-Krise nicht noch weiter aufgeht, braucht es gerade jetzt herausragende Persönlichkeiten, die den Unterschied machen. Daher suchen wir weiterhin Fellows für den Jahrgang 2021. Wir haben den Bewerbungsprozess vollständig digitalisiert –
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Hier findet ihr Einblick in die Arbeit unserer Fellows und unserer Organisation und welche Auswirkungen die Krise auf die Situation unserer Kids hat.

Physikunterricht statt Hirnforschung

Mit einem Master in Cognitive Science in eine MS im 10. Bezirk in Wien gehen? Für Daniel Attia eine Herausforderung, die sich lohnt. So wie insgesamt über 200 engagierte Uni-Absolvent*innen aus den verschiedensten Fachrichtungen hat sich der heute 30-Jährige dazu entschlossen, seinen Lebensweg zu verändern. Er macht sich für Bildungsgerechtigkeit stark – und zwar mitten im System.

Portraitfoto Daniel Attia
Daniel Attia startete 2016 mit dem Fellowprogramm und unterrichtet in dem SMS Wendstattgasse.

Auf die Probe gestellt

„Ich erinnere mich noch ganz genau an eine sehr prägende Geschichte aus der Anfangszeit“, erzählt Daniel Attia. „Der Schüler hieß Jagoš . Schon in der ersten Stunde fiel er mir auf, war unaufmerksam und wirkte zerbrechlich auf mich.“ Jagoš  forderte den neuen Lehrer sofort heraus. Nach mehrmaligem Ermahnen, weil der Schüler den Physikunterricht gestört hatte, läuft bei Jagoš das Fass über, schildert Daniel: „Er hat laut durch die Klasse gebrüllt, dass er mich, die Schule und jedes einzelne Fach, das ich unterrichte, hasst – er hat sich sogar die Mühe gemacht, sie alle einzeln aufzuzählen. Mit einer Armbewegung hat er seine Sachen vom Tisch geworfen und ist rausgestürmt.“

Potenziale stärken

Später erfuhr Daniel, wieso es für Jagoš  besonders schwierig war, am Unterricht teilzunehmen: Er hatte ADHS, litt an mehreren gesundheitlichen Problemen und musste ständig Medikamente einnehmen, die seinen Körper und seine Psyche belasteten. Daniel entschied sich, Jagoš nicht einfach aufzugeben, sondern bewusst seine Zeit und Energie in ihn zu investieren. „Ich habe sein gutes Verhalten gelobt, ihn animiert, regelmäßig im Unterricht mitzuarbeiten und ihm klar gesagt, was ich mir erwarte. Aber wir haben auch viel über Probleme, die ihn beschäftigen, seinen Lieblingsmusiker Raf Camora, seine Freizeit und über sein Zeichentalent gesprochen“, erzählt er.

„Wir sind weitergekommen”

Die Beziehungsarbeit lohnte sich. Nach einigen Monaten veränderte sich Jagoš Verhalten. Zum Beispiel zeigte er sich interessiert, arbeitete mit, stellte kluge Fragen und verbesserte seine Noten. „Er hat sich bemüht, auch wenn seine zappeligen Beine und die kurzen, schnellen Blicke quer durchs Klassenzimmer gezeigt haben, wie schwer ihm das fällt.“ Im Sommersemester schaffte er schließlich ein „Sehr gut“ auf den Geografietest. „Für mich ist es einer dieser vielen schönen Momente, die ich in meiner Zeit an der Schule erlebt habe: zu sehen, wie wir durch die gemeinsame Arbeit und die vielen Gespräche in und abseits der Stunde, so viele Schritte weitergekommen sind. Die Schule ist für Jagoš  wieder zu einem Ort geworden, an dem er sich auch wohlfühlen und strahlen kann.“

Impact spüren

Von Geschichten wie dieser fühlt sich Daniel in seinem Job bestärkt: „Es sind diese kleinen, einzelnen Geschichten, in denen es um so viel geht. Diese Erfahrung, die einen wissen und spüren lässt, wie wichtig die eigene Arbeit ist.“ Die Zeit als Fellow sieht er bereichernd und empfiehlt das Programm: „Ich habe mich selbst so stark weiterentwickelt und hätte nie gedacht, wie viel ich bei Kindern wie Jagoš bewirken kann. Das ist eine so wertvolle Erfahrung, die mich ungemein geprägt hat. Ich kann nur jeden, der Verantwortung im Job übernehmen will, ermutigen sich zu bewerben.”

Verstanden