Von Wien nach London Heathrow

Eine Reise der anderen Sorte

von Katharina Martys

 

Ich habe mit Erstaunen und voller Glück beobachten dürfen, wie sich meine Schüler*innen auf der Reise entfalten, entspannen und vor allem für Neues öffnen. Ich habe sie dabei beobachtet, wie sie täglich mutiger, selbstsicherer und selbständiger werden. Es war mitunter die glücklichste, aufregendste, faszinierendste, kräftezehrendste, emotionalste und packendste Zeit meines Fellow-Daseins.

Auf Entdeckungsreise in England mit 43 Schüler*innen im Gepäck

Von der Sommerakademie kommend hatte ich gerade in meiner Anfangszeit als Fellow zig Ideen im Kopf, die ich früher oder später an meinem Schulstandort umsetzen wollte. Ich fühlte mich inspiriert und motiviert. Dann kam erstmal der Schulalltag der dritten Klassen auf mich zu – und der hatte mich rasch fest im Griff. Als neue Englischlehrerin vier dritter Klassen machte ich zu Beginn das Thema “why English?” zum zentralen Ankerpunkt meiner Stunden. Was in meinem Leben eine Selbstverständlichkeit darstellt, scheint für meine Schüler*innen absolut ungreifbar: das Entdecken neuer Kulturen, neuer Länder, eine  Kommunikationsmöglichkeit die Grenzen durchbricht! “Mein Vater spricht auch kein Wort Englisch und trotzdem hat er einen Job” waren die ja (auch völlig legitimen) Denkansätze meiner Schüler*innen.

Das Denken verändern

Ich wollte das Denken meiner Schüler*innen verändern, meine Reiselust und meine Neugier mit ihnen teilen. Gerade mal einen Monat war ich als frischgebackene Englisch-, BE und Sportlehrerin an meiner Schule als mir plötzlich in einer Mittagsaufsichtsstunde der alles entscheidende Gedanke kam:

“Oha! Wir fliegen nach England!”

Am nächsten Tag erzählte ich meinem Kollegium begeistert von meiner Idee. Die Reaktionen waren divers. Mein Vorschlag entfachte Diskussionen und brachte verschiedene Meinungen hervor. Nach einem Gespräch mit der Schulleitung holte ich aber schon erste Angebote ein. Mir war klar, dass ich nicht mehr viel Zeit habe. Ich wusste nicht, wie die Reaktion auf Elternseite ausschlagen würde. Bekäme ich Unterstützung? Wie würden wir die finanzielle Hürde in solch kurzer Zeit überwinden können? Ist eine Englandreise überhaupt leistbar? Tue ich den Kids damit etwas Gutes?

Der 10. bis 17. Oktober 2018 sollte es sein

Ich beschloss einen Informationsabend für die Erziehungsberechtigten aller dritten Klassen zu organisieren (und somit für rund 90 Schüler*innen die Mitreise zu öffnen!). Die Resonanz war positiv, die Eltern waren begeistert und interessiert. Ich sammelte bereits an diesem Abend mehr als 20 unverbindliche Anmeldungen. Der Abend gab mir Kraft und Mut. Ich reservierte wenige Tage darauf eine Woche im Oktober in der kleinen Stadt Eastbourne für rund 40 Schüler*innen eine Intensivsprachreise. Wenige Wochen später lagen mir tatsächlich 43 verbindliche Anmeldungen vor. Ich konnte es kaum fassen. Ich war überwältigt. Die Abhaltung einer Sprachreise ins Ausland ist an unserer Schule unüblich und wurde bisher nur selten durchgeführt.

Eine Sightseeingtour durch die Schule?

Ich machte das Thema England und London zu unserem Schwerpunkt für die nächsten Wochen und organisierte eine kleine “Sightseeingtour durch London” in unserem Schulgebäude. Die Kinder verliebten sich in die Queen, die Royal Guards und den Buckingham Palace oder etwa das London Eye. Damals schien die Reise für uns alle noch in weiter Ferne zu liegen!

Treffpunkt: Wien Schwechat

Doch nach meinen ersten Sommerferien und kurz nach Beginn des zweiten Fellowjahres war es doch rasch so weit: Wir trafen uns am 10. Oktober 2018 um 9 Uhr Früh am Terminal 1 des Flughafen Schwechats. Für viele Kids war dies der erste Flug in ihrem Leben – die Aufregung war dementsprechend intensiv. Umso größer war die Erleichterung, als wir nach etwa sechs Stunden Flug sowie Pass- und Visakontrollen in London ankamen und auf unseren Bus nach Eastbourne warteten. Es verging keine Sekunde, indem mir die Verantwortung dieser Reise – wir waren drei Lehrerinnen mit 43 Schüler*innen im Gepäck – nicht bewusst war. Ich verspürte an diesem Tag am Flughafen plötzlich große Demut vor dieser Aufgabe.  Nach etwa zehn Stunden Reise kamen wir müde an unserem lang ersehnten Ziel an. Eastbourne – ein kleines, hübsches Städtchen am Meer, dessen Ruhe direkt ansteckte. Die Gastfamilien warteten bereits  auf unsere Schüler*innen, die jetzt noch einmal richtig tapfer sein mussten.

“Finally our dream came true: we travelled to London!”

Am Samstag war es dann soweit: wir fuhren nach London. Bei der Victoria Station stiegen wir in den Doppeldeckerbus ein. Die Kids waren außer sich. Sie kannten diese Busse nur aus meinen Englischstunden. Mit dem Bus ließen wir uns durch die Stadt führen, vorbei am Buckingham Palace, an den Houses of Parliament über die Themse Richtung London Eye. Natürlich stiegen wir dort aus und fuhren eine Runde damit. Danach ging es mit dem Boot bis zur Tower Bridge – ein gemeinsames Highlight, dass wir alle nie vergessen werden.

Auszug aus einem Aufsatz von Drake und Alex, 4a:

“We met at the Eastbourne railway station at 8 o’clock in the morning. We took the train to London Victoria station. Then we got on the red double-decker-bus. It was awesome! We saw the most important sights of London: Buckingham Palace, London Eye, St. Pauls Cathedral, Tower Bridge, Tate Modern and so many more. We took a ride with the London Eye which was absolutely amazing. After this beautfiul trip we even went to the Buckingham Palace by foot. It was already dark when we arrived there. The palace was huge but the Queen was not there! We were all sad when this day was over.” (Drake und Alex, 4a)

 

 

Mein Résumé

Die acht Tage in England mit meinen Schüler*innen waren die schönsten, aufregendsten, lustigsten, kräftezehrendsten, emotionalsten, wunderbarsten Tage meiner Fellowzeit.  In dieser herausfordernden Zeit in Eastbourne wurde ich tatkräftig und voller Leidenschaft von zwei wunderbaren Kolleginnen begleitet und unterstützt. Dieses Erlebnis  werden wir für immer in unseren Herzen tragen und verbindet uns auch im stressigen Schulalltag. Als wir vor wenigen Wochen mit dem neuen Kapitel “Beautiful Boston” starteten, glitzerten mir schon die Kinderaugen entgegen. Ein Schüler zeigte auf und frage: “Miss Martys, can we PLEASEEE travel to Boston together?”. Wir lachten alle und erinnerten uns an eine ausgelassene und glückliche gemeinsame Zeit.

Verstanden