Warum der Elternabend nicht reicht

Eltern und Lehrer*innen als Erziehungspartner*innen

von Faiza Sadek-Stolz

Kontakt mit Lehrer*innen? Für Eltern nur am Elternabend. Mit dieser Erfahrung aus der eigenen Schulzeit habe ich als Lehrerin an der Neuen Mittelschule zu arbeiten begonnen.  Nach unterschiedlichen Herausforderungen, die mir dort begegnet sind, weiß ich: Dieser Weg ist für mich nicht der richtige.

Elternarbeit – wozu überhaupt?

An meiner Schule hat ein Großteil der Schüler*innen schwierige soziale Hintergründe oder angespannte Familienverhältnisse. Zu unterrichten, ohne zu wissen, wie es dem Kind emotional geht und ohne zu verstehen, mit welchen Herausforderungen es gerade kämpft, bringt oft massive Konflikte.

Ich hatte beispielsweise eine Schülerin, die fast täglich zu spät zur ersten Stunde kam. Jeden Tag wurde sie finster von Lehrer*innen “begrüßt” und sie hörte sich an, wie unmöglich ihr Verhalten sei. Erst nach einem Gespräch mit der Mutter fand ich heraus, dass das Mädchen jeden Morgen zuerst  eine Jause für ihre kleineren Geschwistern kauft, die sie dann in die Schule bringen musste, bevor sie endlich selbst ihren Schulweg antreten konnte.  Zusammen haben wir dann eine Lösung gefunden, dank der meine Schülerin rechtzeitig in der Schule sein konnte.

Außerdem hatte ich einen Schüler, der fast täglich seine Hausübungen nicht brachte.  Meine Geduld neigte sich dem Ende zu, bis ich von den Eltern erfuhr, dass seine Schwester an Krebs gestorben war und die ganze Familie unter dem Verlust litt.  Es galt also dem Schüler einen Rahmen zu bieten in dem es ihm möglich war, sich wieder auf die Schule konzentrieren zu können.

Mehr als Wissensvermittlung

Oft hört man in der öffentlichen Debatte, dass in vielen Schulen Lehrer*innen immer mehr Erziehungsaufgaben übernehmen.  Ob es nun zum Aufgabenbereich eines Lehrers/einer Lehrerin zählt, sei dahingestellt. Tatsache ist, dass ich mich tagtäglich in der Position befinde, Schüler*innen zumindest zu einem gewissen Grad auch zu erziehen.  Dabei sind vor allem folgende Themen vorrangig: Pünktlichkeit, Höflichkeit, angemessene Kleidung, Umgang mit Mitmenschen, Ernährung, gesunde Lebensweise und verantwortlicher Umgang mit Medien. Ich finde es fast unmöglich einen hochwertigen Unterricht zu führen, wenn diese Grundlagen nicht bedacht und adressiert werden.  Wenn man sich also mit Erziehungsaufgaben der Schüler*innen beschäftigt, wäre es da nicht ganz besonders sinnvoll in engem Kontakt mit den Erziehungsberechtigten zu sein?

Was tun?

Die Barriere, die ich zwischen Lehrer*innen und Erziehungsberechtigten spüre, möchte ich Schritt für Schritt abbauen. Abgesehen von den persönlichen Gesprächen, die ich gerne mit Eltern führe, sind meine Kommunikationstools das traditionelle Mitteilungsheft, E-Mail, Telefon oder Handy.

Ich telefoniere gerne regelmäßig mit Eltern, um ihnen Rückmeldungen zu geben. Manche haben sogar meine Handynummer.

Wichtig ist, dass ich auch positive Nachrichten an die Erziehungsberechtigten schicke, um die Beziehung nicht nur mit negativen Meldungen zu prägen.

 

Als ich das erste Mal einen Rundruf bei allen Eltern machte, war die Reaktion der Mutter einer meiner besten Schüler*innen als sie mich am Telefon hörte: “Um Himmelswillen, was hat sie denn angestellt?”  Dabei wollte ich ihre Tochter nur loben. Die Mutter war erleichtert und bedankte sich für die Rückmeldung. Es war mir nicht klar, dass sie so große Zweifel hatte und ich war froh, diese beseitigen zu können.  Ihre Reaktion zeigte mir, dass es notwendig ist, öfter positive Rückmeldungen an die Eltern zu schicken.

Hausbesuche?

In manchen Ländern – wie zum Beispiel England oder Dänemark- ist es an einigen Schulen üblich, dass Eltern von Lehrer*innen zu Hause besucht werden.  Erziehung, Lernziele, Schüler*innen- und Elternpflichten werden genauso besprochen, wie Fragen und Sorgen der Eltern. Durch diesen Besuch ergibt sich ein tiefgehender, persönlicher Kontakt, durch den die Eltern eine Verbundenheit mit der Schule aufbauen.  Sie sind dadurch eher bereit, gemeinsam mit den Lehrer*innen das Kind auszubilden und zu erziehen. Unmissverständlich macht der Besuch klar, dass den Lehrer*innen der Werdegang des Kindes ein Anliegen ist und dass Erziehungsberechtigte und Lehrer*innen zusammenarbeiten müssen, um einen Rahmen zu schaffen, der das Lernen ermöglicht. In Österreich kann sich das noch kaum jemand vorstellen. Gesetzlich geregelt ist es meines Wissens nach nicht, doch wären Hausbesuche tatsächlich von allen Seiten mit Misstrauen begegnet. Ich denke, dem kann man entgegenwirken, indem man die Beziehung zu Erziehungsberechtigten schrittweise aufbaut.

Zum Hörer greifen

Den ersten Schritt habe ich gesetzt: Freude auf beiden Seiten ergaben meine Telefonate mit sämtlichen Erziehungsberechtigten meiner Schüler*innen, bei denen ich die positiven Erfolge ihrer Kinder in den Vordergrund stellte.  

Gerührte Eltern am Telefon, lobende Worte für mich als Lehrkraft und strahlende Kinderaugen am nächsten Schultag.

 

Die Motivation aller Beteiligter – der Schüler*innen, der Erziehungsberechtigten und von mir – war mit einem Telefonat auf 100% hochgeschnellt.

Verstanden