Komfortzone verlassen: Özgür Atagan über seine Zeit während und nach dem Social Leadership Programm

Özgür Atagan war TFA Fellow 2019 und ist weiterhin leidenschaftlicher Lehrer an einer Mittelschule im 11. Bezirk in Wien. Im Interview erzählt er von seinem Weg zu Teach For Austria, den größten Herausforderungen während des Social Leaderhship Programms und den schönsten Momenten.

Person mit Bart in dunkelblauem Blazer, hellblauem Hemd, lächelnd vor urbaner Säulenfassade.

Lieber Özgür, Du warst TFA-Fellow 2019. Wo hast Du das erste Mal von Teach For Austria gehört und warum hast Du Dich damals entschieden, Dich für das zweijährige Social Leadership Programm von Teach For Austria zu bewerben?

 

Ich habe das erste Mal von Teach For Austria gehört, als ein guter Freund mir davon erzählt hat. Ich wollte mich damals beruflich neu orientieren und als wir darüber gesprochen haben, hat er mir vorgeschlagen, dass ich mich bei Teach For Austria bewerbe. Damals konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, als Lehrer zu arbeiten. Kurz darauf hat eine sehr gute Freundin, die bei der Wirtschaftsagentur Wien arbeitet, mir den Bewerbungslink von TFA mit dem Text “Ich musste an dich denken” geschickt. Ich kann mich noch genau erinnern, wie ich mir dachte, das kann kein Zufall sein, jetzt bewerbe ich mich. Die letzten 2-3 Jahre in meinem alten Beruf war ich unzufrieden und unerfüllt. Ich wollte einen Beruf finden, der Sinn macht und bei dem ich anderen Menschen helfen kann. 

Du warst dann TFA-Fellow in der Mittelschule. Was waren dort Deine größten Herausforderungen und was hast Du dabei gelernt?

 

Es gab wirklich sehr viele Herausforderungen in meiner Zeit als Fellow. Unter anderem die Herausforderung, sich plötzlich in einem unbekannten System zurechtzufinden, den eigenen hohen Erwartungen gerecht zu werden und gleichzeitig eine gesunde Abgrenzung im Schulwahnsinn zu schaffen. Ich könnte hier noch viele andere Herausforderungen aufzählen, aber im Nachhinein kann ich sagen, dass die eigentliche Schwierigkeit die Summe der Herausforderungen ist. Die weiterhin schwierigste Aufgabe für mich persönlich ist, jeden Tag hunderte von Kleinigkeiten und Details zu bedenken und dabei so bewusst wie möglich zu bleiben.

 In den 2 Jahren als Fellow habe ich so viel über mich selbst gelernt und meine persönliche und berufliche Entwicklung war/ist unglaublich groß. Ich habe in dieser Zeit gelernt, noch mehr Verantwortung zu übernehmen, Feedback zu geben und anzunehmen, wie wichtig es ist, zu beobachten und zu analysieren, bevor man eine Handlung setzt und wie befreiend es ist, wenn man die Komfortzone verlässt und dabei wächst. Ich habe alle wichtigen Werkzeuge und Strategien für diese Methoden und Situationen kennengelernt, konnte sie ausprobieren und dabei von meinen eigenen Fehlern lernen. 

Zur Person

Özgür Atagan hat Wirtschaftsinformatik an der WU Wien studiert, hat mehrere Jahre im IT-Bereich gearbeitet, war TFA Fellow 2019 und ist weiterhin leidenschaftlicher Lehrer an einer Mittelschule im 11. Bezirk in Wien. 

"Ich habe in dieser Zeit gelernt (...) wie befreiend es ist, wenn man die Komfortzone verlässt und dabei wächst."

Özgür Atagan, TFA Alumn

Was genau hast Du vor dem Programm studiert (und beruflich gemacht) und welche Fächer hast Du an der Mittelschule unterrichtet? Wie hat Dich Dein Studium- (und Arbeits-Background) als Fellow in der Mittelschule geprägt? 

 

Ich habe Wirtschaftsinformatik an der WU Wien studiert mit der Spezialisierung auf Prozessmanagement. Ich habe in mehreren Unternehmen mit unterschiedlichen Verantwortungen im IT und Support Bereich für Großkunden gearbeitet. 

Ich unterrichte Mathematik, Digitale Grundbildung, Physik, Chemie, Biologie, Sport und Bewegung und Werken. Mein Arbeits-Background hat mich insofern geprägt, dass ich eine pragmatische Herangehensweise und eine Hands-On Mentalität mitgebracht habe. Außerdem arbeite ich gerne prozess- und lösungsorientiert, was in der Schule sehr nützlich sein kann. Meine genaue und detailbasierte Arbeitsweise kann manchmal zum Verhängnis werden, aber es ist mir persönlich sehr wichtig, in der Schule ein Vorbild zu sein und wichtige Dinge vorzuleben. 

Worauf warst Du als Lehrkraft besonders stolz? Erzähle uns gerne Erfolgsgeschichten von Deinen Schüler:innen.

 

Ich bin immer besonders stolz auf meine Beziehungen zu den Schüler:innen. Mich macht es besonders stolz, wenn Kinder kommen und mir etwas sehr Privates und Wichtiges erzählen, was nicht selbstverständlich ist oder wenn mir die Eltern erzählen, wie positiv die Kinder zu Hause über die Schule und uns Lehrer:innen reden. Es sind oft Kleinigkeiten, wenn zum Beispiel andere Lehrpersonen kommen und die eigene Klasse loben, weil sie etwas Nettes für die anderen gemacht haben o.ä. 

Ich habe eine ähnliche Geschichte, wie meine Schüler:innen. Ich habe selbst eine Migrationsgeschichte und komme aus einer Arbeiterfamilie. Ich spreche oft mit meinen Schüler:innen darüber, welche Herausforderungen sie erwarten, und dass sie trotzdem alles erreichen können, was sie wollen. Die Beziehung und eine Bezugsperson für sie zu sein, jeden Tag die richtigen Werte vorzuleben, Fehler zu machen, Hilfe zu suchen und andere Menschen zu unterstützen, wo es möglich ist, hat meiner Meinung nach den größten Impact bei den Kids. Das ist für mich das Wichtigste. 

Ich habe noch zu einigen Schüler:innen Kontakt. Es gibt zwei Schüler:innen, die ich auch öfter treffe. Sie maturieren beide dieses Schuljahr und sind so wunderbare, freundliche, verlässliche und vernünftige junge Menschen geworden. Es ist eines der schönsten Dinge, ihre Entwicklung miterleben zu dürfen. Ich muss manchmal weinen, wenn ich an sie denke und bin sehr stolz, dass sie noch mit mir zu tun haben wollen. :)

"Ich habe selbst eine Migrationsgeschichte und komme aus einer Arbeiterfamilie. Ich spreche oft mit meinen Schüler:innen darüber, welche Herausforderungen sie erwarten, und dass sie trotzdem alles erreichen können, was sie wollen"

Özgür Atagan, TFA Alumn

 

Was genau machst Du jetzt beruflich?

 

Ich bin immer noch leidenschaftlicher Lehrer und Klassenvorstand an der gleichen Mittelschule, wo ich als Fellow angefangen habe. 

Inwiefern profitierst Du von dem Social Leadership Programm in Deinem heutigen beruflichen Alltag?

 

Ich stehe jeden Tag in der Klasse und muss Verantwortung für Kinder und Jugendliche übernehmen. Ich bin mittlerweile auch ein Teil des Schulentwicklungsteams bei uns an der Schule, wo wir gerade ein neues Konzept aufsetzen. In dieser Tätigkeit und wann immer man in der Schule etwas verändern will, braucht es Leadership und Verantwortung, und genau dann profitiere ich vom Leadership Programm. 

Neben der Schule unterstütze ich noch ehrenamtlich die Organisation Sindbad, die ein Mentoringprogramm für Jugendliche anbietet. Das Leadership Programm von TFA hat mich auch darauf vorbereitet; ich weiß, wie ich mich auf eine Keynote vorbereite, einen Workshop halte oder Mentor:*innen fürauf die Zielgruppe sensibilisiere. 

Was würdest Du einer Person raten, die gerade mit dem Gedanken spielt, zwei Jahre das Social Leadership Programm von Teach For Austria zu machen?

 

Ich würde es auf jeden Fall jeder:m raten, die:der einen Job mit Sinn sucht, Verantwortung für unsere Gesellschaft übernehmen möchte und sich dabei weiterentwickeln will. Allerdings würde ich auch einen Erwartungs- und Realitätscheck empfehlen, da der Beruf gleichzeitig mit der Ausbildung von Teach For Austria eine herausfordernde Aufgabe ist. Es ist wichtig, dass man die richtige Motivation und Einstellung mitbringt und einen guten Einblick in den Beruf und das Social Leadership Programm von Teach For Austria hat. 

Und noch als Abschluss: Was bedeutet Leadership persönlich für Dich?

 

Für mich persönlich bedeutet Leadership eine positive und lösungsorientierte Einstellung zu haben und gleichzeitig nach den eigenen Werten zu handeln, mit dem Ziel, eine gerechtere Gesellschaft zu haben. Außerdem beinhaltet die Definition von Leadership für mich, andere begeistern zu können, Verantwortung zu übernehmen und zu handeln. 

– September 2026

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