Wenn aus Abneigung Neugier wird – LGBTIQ+ Vielfalt im Klassenzimmer
Gesellschaftlicher Wandel beginnt nicht immer laut. Nicht auf großen Bühnen oder in politischen Debatten. Manchmal beginnt er ganz leise – in einem Klassenzimmer.
Ich unterrichte an einer polytechnischen Schule, an der viele Jugendliche bereits mit 15 oder 16 Jahren ins Berufsleben starten. Viele meiner Schüler:innen wachsen in einem Umfeld auf, das von sozialem Druck, unterschiedlichen religiösen Prägungen und Vorurteilen geprägt ist, die sie aus dem familiären Umfeld mitbringen. Genau hier zeigt sich für mich jeden Tag, was Bildung und echte Beziehungsarbeit bewirken können.
"Viele meiner Schüler*innen wachsen in einem Umfeld auf, das von sozialem Druck, unterschiedlichen religiösen Weltanschauungen und Vorurteilen geprägt ist, die sie aus dem familiären Umfeld mitbringen."
Beziehung vor Haltung
Als Lehrer und Klassenvorstand begegne ich jungen Menschen, von denen viele bislang kaum oder nur negativ mit queeren Lebensrealitäten in Berührung gekommen sind. Für einige bin ich der erste offen schwule Mann, den sie in einer respektierten Autoritäts- und Führungsrolle erleben.
Diese Sichtbarkeit passiert bei mir jedoch nicht sofort. Zuerst kommt Beziehung: Vertrauen, Respekt und gegenseitiges Kennenlernen. Mir ist wichtig, dass meine Schüler:innen mich zuerst als Lehrperson wahrnehmen. Erst wenn eine stabile Basis entstanden ist, öffne ich mich auch persönlich. Meine sexuelle Orientierung wird nicht in den Vordergrund gestellt – aber sie wird auch nicht versteckt. Später im Schuljahr spreche ich über meinen Partner genauso selbstverständlich, wie es bei heterosexuellen Lehrkräften Alltag ist. Damit zeige ich: Queeres Leben ist nichts Außergewöhnliches, sondern Teil unserer Realität.
Ken Goigner studierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an der WU Wien und absolvierte einen Erasmus Mundus Master in Sustainable Business Development an der University of Glasgow. Seit September 2023 unterrichtet er an einer Fachmittelschule in Wien und ist seit 2025 Teil des Teach-for-Austria-Alumni-Netzwerks. Ken engagiert sich in der Kommunalpolitik und wurde 2025 zum Bezirksrat in Neubau gewählt, wo er sich insbesondere für Gleichberechtigung und Chancengerechtigkeit einsetzt. 2026 gewann er den Pride Biz Pioneers Preis in der Kategorie LGBTIQ+ Visibility and Social Impact für deinen unermüdlichen Einsatz für Gleichberechtigung in der Klasse.
Wenn Worte verletzen – und sich verändern dürfen
Zu Beginn des Schuljahres begegne ich oft klaren Abwehrhaltungen gegenüber LGBTIQ+-Themen. Begriffe wie „schwul“ oder „behindert“ werden als Schimpfwörter verwendet. Homosexualität wird als „nicht normal“ bezeichnet oder religiös begründet abgelehnt.
Ein 15-jähriger Schüler fiel besonders durch offen homofeindliche Aussagen auf. Er verwendete regelmäßig das Wort „Schwuchtel“ und argumentierte im Unterricht, Homosexualität könne nicht richtig sein, da in der Bibel schließlich von Adam und Eva die Rede sei. Diese Aussagen spiegelten deutlich wider, welche Bilder und Überzeugungen er aus seinem familiären und religiösen Umfeld übernommen hatte.
Anstatt ihn bloßzustellen oder zu sanktionieren, setzte ich bewusst auf Beziehungsarbeit, Sensibilisierung und eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit den Themen Gleichberechtigung, Sprache und Empathie. Diskriminierende Begriffe wurden klar benannt und erklärt. Gleichzeitig schuf ich Raum für Fragen, Zweifel und unterschiedliche Perspektiven – ohne zu bewerten, aber mit klarer Haltung.
"Ein 15-jähriger Schüler fiel besonders durch offen homofeindliche Aussagen auf."
Aus Sprachlosigkeit werden ehrliche Fragen
Am Ende des Schuljahres – in einer offenen Fragerunde – zeigte sich eine Entwicklung, die mich bis heute sehr bewegt. Ausgerechnet dieser Schüler stellte reflektierte und auch die meisten Fragen: Wie haben Ihre Eltern auf Ihr Coming-out reagiert? Erleben Sie Alltagsdiskriminierung? Ab wann weiß man sicher, dass man homosexuell ist?
Sein Ton war respektvoll, interessiert und mitfühlend. Außerdem hatte er diskriminierende Begriffe bewusst aus seinem Sprachgebrauch gestrichen. Innerhalb eines Schuljahres wandelte sich dieser Jugendliche von einem Schüler, der Homosexualität ausschließlich mit Ablehnung verband, zu einem jungen Menschen, der zuhört, nachfragt und Empathie für die queere Community zeigt.
Lernen, das bleibt
Diese Veränderung zeigt sich nicht nur in Gesprächen, sondern auch in schriftlichen Reflexionen meiner Schüler:innen. Eine 14-jährige Schülerin fasste eine Unterrichtsstunde so zusammen:
„Jede:r hat das Recht, jemanden zu lieben, egal ob Mann oder Frau. Wir sollten nicht danach streben, gleich zu sein und diejenigen nicht akzeptieren, die anders sind als wir, sondern im Gegenteil, wir sollten es als etwas Normales akzeptieren."
Solche Aussagen entstehen nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis kontinuierlicher Arbeit, klarer Haltung und echter Beziehung.
Proud School
Sichtbarkeit mit Verantwortung
Auch aus meiner eigenen Sexualität mache ich kein Geheimnis – aber ich wähle bewusst den richtigen Zeitpunkt. Wenn ich mich später im Schuljahr öffne, erleben meine Schüler:innen, dass darüber genauso selbstverständlich gesprochen werden kann wie bei heterosexuellen Lehrpersonen, die von ihrer Partnerin oder ihrem Partner erzählen. Diese Normalität ist ein wichtiger Teil von Bildungsarbeit.
Als Teil der proud school-Initiative von Teach For Austria setze ich mich gemeinsam mit anderen Fellows und Lehrkräften für mehr Sichtbarkeit, Akzeptanz und Awareness in Bezug auf LGBTIQ+-Themen ein. Gerade an Schulen mit besonderen sozialen Herausforderungen zeigt sich, wie wichtig diese Arbeit ist – besonders für junge Menschen, die oft wenig diversitätssensibel sind.
Bildung verändert Gesellschaft
Was ich in meinem Klassenzimmer erlebe, ist kein kurzfristiger Effekt und keine symbolische Geste. Es ist nachhaltige Veränderung und das (Er-)Leben sozialer Gerechtigkeit.
Wenn aus Stille Offenheit wird, aus Ablehnung Respekt und aus Sprachlosigkeit ehrliche Fragen entstehen, dann zeigt sich, welches Potenzial in Bildung steckt.Nicht durch Konfrontation. Sondern durch Beziehung, Offenheit und Vorbildwirkung.
— März 2026