Zukunft gestalten: Tayfun Zerz über seine Zeit als TFA Fellow
Tayfun Zerz war Teach For Austria Fellow 2018 an einer Wiener Mittelschule und gestaltet heute als Energiemanager die Zukunft mit. Im Gespräch erzählt er von seinem Weg vor und nach Teach For Austria, seine größten Herausforderungen als TFA Fellow und die schönsten Erlebnisse aus dieser Zeit.
Tayfun Zerz, TFA Alumn
Lieber Tayfun, Du warst TFA-Fellow 2018. Warum hast Du Dich damals entschieden, Dich für das zweijährige Social Leadership Programm von Teach For Austria zu bewerben?
Der eigentliche Grund, warum ich mich dann für das zweijährige Fellowship entschieden habe, war sehr persönlicher und intrinsischer Natur. Ich komme aus einer bildungsfernen sog. „Arbeiter“-Familie, in dem niemand studiert oder eine akademische Laufbahn eingeschlagen hat. Trotz widriger Umstände als Kind mit sog. Migrationshintergrund in der bayrischen Provinz habe Ich den Ausbildungs- und Sozialen-Aufstieg geschafft – und das lag vor allem daran, dass ich in der Realschule einen außergewöhnlich engagierten Lehrer hatte.
Er war für mich mehr als ein Lehrer. Er hat mich weit über das Übliche hinaus unterstützt – sei es beim kreativen Schreiben, Diskussionen über Politik und Gesellschaft oder durch Gespräche, die meine Perspektiven zu Ausbildung und Lebensstilen grundlegend erweitert haben. Er war für mich neben meiner Familie ein pädagogisch zusätzlicher Ankerpunkt. Diese Unterstützung hat meinen Weg entscheidend geprägt.
Und genau aus diesem Grund wollte ich Teach For Austria Fellow werden, weil ich heute noch weiß, wie viel ein einzelner Mensch in der Schule bewirken kann. Es gibt auch heute viele Kinder, die aufgrund ihrer Herkunft oder schwierigen Ausgangslagen mehr Unterstützung brauchen, als das System ihnen standardmäßig geben kann.
Ich hatte das Glück, diesen Menschen zu haben – und ich wollte die Chance bekommen, etwas davon zurückzugeben.
Du warst dann TFA Fellow in der Mittelschule. Was waren dort Deine größten Herausforderungen und was hast Du dabei gelernt?
Als ich an der Mittelschule gestartet bin, war die größte Herausforderung zunächst, das gesamte schulische Umfeld aus der Perspektive einer Lehrperson kennenzulernen. Schule ist nicht nur ein Arbeitsplatz, sondern ein komplexer sozialer Raum – und das erlebt man völlig anders, wenn man plötzlich vor der Klasse steht, statt selbst darin zu sitzen. Die ersten Wochen und Monate waren deshalb geprägt von Orientierung, Rollenklärung und einem neuen Verständnis dafür, wie Schule bzw. wie diese Schule wirklich funktioniert.
Worauf warst Du als Lehrkraft besonders stolz?
Eine der Erfolgsgeschichten, auf die ich bis heute am stolzesten bin, stammt aus meinem zweiten Jahr, aus meiner Nachmittagsbetreuung im Bereich Robotics, Coding und 3D-Druck. Diese Gruppe war unglaublich vielfältig – Kinder und Jugendliche von der ersten bis zur vierten Klasse, fast alle mit Migrationshintergrund und ohne technischen Zugang von zu Hause. Besonders gefreut hat mich auch, dass sich das Geschlechterverhältnis fast 50:50 eingependelt hat, weil ich großen Wert daraufgelegt habe, Mädchen ebenfalls aktiv für Technik zu begeistern.
Wir hatten uns damals entschlossen, an einem Robotik-Wettbewerb am TGM teilzunehmen. Dort treten normalerweise technische Mittelschulen, Unterstufen aus Gymnasien oder sogar höhere Klassen an – also Gruppen, die deutlich mehr Vorerfahrung haben als eine heterogene Mittelschulgruppe.
Die Aufgabe war, vor Ort in Form eines „Hackathons“ einen Roboter aus Microbits und verschiedenen Bauteilen zu bauen. Meine Gruppe hat zuvor viel geübt, aber es war klar, dass wir fachlich nicht mit den klassischen Technikschulen mithalten können. Umso beeindruckender war, was sie an diesem Tag geleistet haben.
Die Schüler*innen haben gemeinsam einen Roboter entwickelt, konstruiert, programmiert, verziert – mit Augen, bunten Elementen und einer Kreativität, die mich selbst überrascht hat. Und obwohl es sicher nicht der technologisch perfekte Roboter des Wettbewerbs war, hat er die entscheidende Aufgabe geschafft: Er hat die Ziellinie überquert.
Der Moment, in dem die Kinder gesehen haben, dass „ihr“ Roboter funktioniert, war für mich unglaublich berührend. Diese Mischung aus Stolz, Selbstwirksamkeit und echter Begeisterung – besonders bei Kindern, die so etwas nie zuvor erleben konnten – hat mich selbst zu Tränen gerührt.
Ich war stolz, nicht wegen des technischen Ergebnisses, sondern weil die Schüler*innen gemerkt haben:
„Ich kann etwas schaffen, was ich mir vorher nicht zugetraut hätte.“
Diese Erfahrung, gemeinsam als diverse Gruppe etwas zu bauen, Probleme zu lösen und am Ende Erfolg zu sehen, war für sie ein enorm wichtiger Schritt. Und für mich vielleicht die stärkste Erfahrung während meiner Zeit als Fellow.
Zur Person
Tayfun Zerz war Teach For Austria Fellow 2018–2020 an einer Wiener Mittelschule. Vor dem Social Leadership Programm war er als Ingenieur im Maschinen- und Anlagenbau tätig, wechselte nach dem Programm die Branche und war viereinhalb Jahre Projektmanager für die bundesweite Geräteinitiative „Digitales Lernen“. Seit kurzem ist er Energiemanager in einem Unternehmen der Stadt Wien und setzt seinen Schwerpunkt auf Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Klimaschutz.
"Ich hatte das Glück, diesen Menschen zu haben – und ich wollte die Chance bekommen, etwas davon zurückzugeben."
Tayfun Zerz, TFA Alumn
Inwiefern hast Du von der 12-wöchigen Sommerakademie als Vorbereitung und dem regelmäßigen individuellen Coaching durch Deine Trainerin/Deinen Trainer profitiert?
Die 12-wöchige Sommerakademie war für mich eine außergewöhnlich hochwertige und praxisnahe Vorbereitung – im Vergleich zur klassischen Lehrer*innenausbildung fast schon ein Luxus. Ich sage das auch deshalb so deutlich, weil meine Frau Lehrerin ist und eine solche intensive Vorbereitung damals nicht erlebt hat. Die Kombination aus fachlicher Praxis, Unterrichtserfahrung, Persönlichkeitsentwicklung und professionellem Coaching war wirklich einmalig.
Besonders wertvoll war die Mischung aus individuellem Coaching, Feedback-Kultur und Gruppendynamik innerhalb des Fellow-Jahrgangs. Das Coaching hat mir geholfen, mich zu reflektieren, meine Wirkung zu verstehen und bewusst an meinem Leadership-Stil zu arbeiten.
Die Sommerakademie hat mich nicht nur auf den Schulalltag vorbereitet, der wenige Wochen später begann, sondern auch auf einer persönlichen Ebene geprägt. Ich habe in dieser Zeit enorm viel über mich selbst gelernt – mehr, als ich gedacht hätte, Ende 20 noch lernen zu können. Es war eine intensive, bereichernde und oft auch sehr lustige Zeit, die mein Mindset und Skillset nachhaltig beeinflusst hat.
Rückblickend war es für mich eine der professionellsten, wertvollsten und intensivsten Ausbildungen, die ich je erlebt habe. Und ganz ehrlich: So eine Vorbereitung sollte eigentlich Standard in der Lehrer*innenbildung sein.
Was genau machst Du jetzt beruflich?
Nach meinen 2 Jahren bei Teach For Austria bzw. Schuljahren bin ich zunächst kurz in meine ursprüngliche Branche – den Maschinen- und Anlagenbau – zurückgekehrt. Doch schon nach wenigen Monaten hat mich ein großes Bildungsprojekt im Digitalisierungsbereich angesprochen: die Geräteinitiative Digitales Lernen.
Dort war ich viereinhalb Jahre lang Projektleiter und habe gemeinsam mit dem Team eine der größten Digitalisierungsmaßnahmen im österreichischen Schulwesen umgesetzt. Wir haben in dieser Zeit rund 400.000 Schüler*innen und Lehrkräfte mit digitalen Endgeräten ausgestattet. Das war für mich ein Meilenstein, weil ich dadurch die Möglichkeit hatte, nicht nur auf einer Schule, sondern auf landesweit Wirkung zu erzielen – insbesondere im Sinne von Chancengerechtigkeit und digitaler Teilhabe.
Vor kurzem habe ich mich beruflich etwas verändert und mich einem neuen Zukunftsthema zugewandt. Seit kurzem arbeite ich als Energiemanager bei einem großen Pensionist:innenwohnheim-Betreiber der Stadt Wien. Dort befasse ich mich mit Energieeffizienz, erneuerbarer Energieerzeugung, CO₂-Reduktion und nachhaltiger Gebäudenutzung.
Für mich ist das eine konsequente Weiterführung meiner Motivation aus der Bildungszeit. Ich möchte in Bereichen arbeiten, die gesellschaftlich relevant sind, Zukunft gestalten und echte Wirkung ermöglichen.
Inwiefern profitierst Du von dem Social Leadership Programm in Deinem heutigen beruflichen Alltag?
Das Social Leadership Programm von Teach For Austria war für mich eine sehr wertvolle Ergänzung. Denn ich würde mich als „mittelalten“ Fellow bezeichnen und habe im Vergleich zu vielen direkt nach dem Studium kommenden Fellows bereits einiges an Berufs- und Lebenserfahrung mitgebracht. Trotzdem – oder gerade deshalb – hat mich das Programm stark geprägt.
Einerseits durch die Leadership-Impulse und Trainings, andererseits durch die tägliche „echte“ Leadership-Erfahrung im Unterricht. Vieles davon wirkt im Nachhinein fast schon unbewusst nach. Als ich später Projektleiter wurde, ist mir aufgefallen, wie sehr mir bestimmte Kompetenzen geholfen haben, ohne dass ich sie aktiv reflektiert habe – etwa Zeit- und Ressourcenmanagement, klare Priorisierung oder der Umgang mit sehr unterschiedlichen Stakeholdern.
Auch die Gelassenheit, die man im Klassenzimmer entwickeln muss, und der notwendige Weitblick, gleichzeitig auf das Individuum und das Gesamtsystem zu achten, begleiten mich bis heute. In herausfordernden Situationen im Berufsalltag merke ich oft, dass ich dank dieser Erfahrungen souveräner, strukturierter und lösungsorientierter agiere.
Im Rückblick war es eine ausgezeichnete „Schule“ (kleines Wortspiel) für Leadership auf eine Art, die man in klassischen Ausbildungen oder Weiterbildungen nicht bekommt. Und ich würde diese Erfahrung niemals missen wollen.
"Rückblickend war es für mich eine der professionellsten, wertvollsten und intensivsten Ausbildungen, die ich je erlebt habe."
Was würdest Du einer Person raten, die gerade mit dem Gedanken spielt, zwei Jahre das Social Leadership Programm von Teach For Austria zu machen?
Ich bin heute unglaublich dankbar, dass ich damals den Mut hatte, mich darauf einzulassen. Ich hätte es mein Leben lang bereut, es nicht gemacht zu haben.
Man kann aus diesen zwei Jahren nur profitieren – persönlich, beruflich und menschlich. Ganz egal, ob man später im Lehrberuf bleibt, im Bildungsbereich auf andere Weise wirkt oder, wie ich, in einen völlig anderen Bereich wechselt.
Das Programm fordert einen heraus, aber genau deshalb wächst man daran. Und man nimmt so viel mit: Leadership, Resilienz, Beziehungsarbeit, systemisches Denken – und man lernt grundsätzlich die Impact-/Wirkungsfrage zu stellen und sein Tun danach -so gut es geht- auszurichten.
Ich würde jeder Person, die mit dem Gedanken spielt, das zweijährige Social Leadership Programm zu machen, einen ganz einfachen Rat geben: Mach es.
Und noch als Abschluss: Was bedeutet Leadership persönlich für Dich?
Leadership bedeutet für mich, zu den eigenen Werten, Überzeugungen und Idealen zu stehen – und zwar unabhängig von der Rolle, die man gerade einnimmt. Ob als Lehrkraft, als Projektleiter oder in einer völlig anderen Funktion: Echte Führung entsteht für mich dann, wenn Handlungen aus innerer Überzeugung und aus einer tiefen, authentischen Motivation heraus erfolgen.
Leadership heißt für mich auch, sich selbst treu zu bleiben und den eigenen roten Faden nicht zu verlieren. Das ist nichts Selbstverständliches – es erfordert tägliche Reflexion, Mut und die Bereitschaft, immer wieder bewusst Entscheidungen zu treffen, die zu den eigenen Prinzipien passen.
Wer seinen Weg klar verfolgt, Haltung zeigt und nicht nur spricht, sondern handelt, lebt Leadership.
– Mai 2026