„Auch wir können Lehrer:innen sein.“ TFA-Alumna Edina Hadziahmetovic über die Bedeutung von Repräsentation und angstfreies Lernen

Edina Hadziahmetovic ist Politikwissenschaftlerin, ehemalige Teach For Austria Fellow und Geschäftsführerin von everyone codes. Im Gespräch erzählt sie von ihrem Weg zu und nach Teach For Austria, der Bedeutung von Repräsentation und angstfreiem Matheunterricht.

Person mit braunen Haaren in grauem Blazer lächelt in die Kamera; modernes Büroviertel im Hintergrund.

Liebe Edina, Du warst TFA-Fellow 2016. Wo hast Du das erste Mal von Teach For Austria gehört und warum hast Du Dich damals entschieden, Dich für das zweijährige Social Leadership Programm von Teach For Austria zu bewerben?

 

Ich habe Teach For Austria in einem Moment gefunden, in dem mir glasklar wurde: Wenn ich nichts ändere, lande ich in einem Leben, das viel kleiner ist als mein Potenzial. 

Nach meinem Studium arbeitete ich im Handel, trug Verantwortung, arbeitete hart – und bekam trotzdem die Botschaft, dass man mich dort nicht als jemanden sah, der einmal weit kommen würde. Das hat mich getroffen. Und es hat etwas in mir ausgelöst: "Ist das wirklich der Weg, der für Menschen wie mich vorgesehen ist?" Meine Antwort war: Nein. 

Als ich dann das Inserat von Teach For Austria sah, war sofort klar, warum es mich so berührt: Hier ging es nicht darum, einen bestimmten Lebenslauf zu haben. Hier ging es um Haltung, Mut und Wirkung – und um Themen, die Teil meiner eigenen Geschichte sind: Bildungszugang, Migration, Chancengerechtigkeit. Das war der Moment, in dem ich entschieden habe: Ich will raus aus einem System, das mich begrenzt – und rein in eines, das Menschen zutraut, über sich hinauszuwachsen. 

Deshalb habe ich mich beworben.

Du warst dann TFA-Fellow in der Mittelschule. Was waren dort Deine größten Herausforderungen und was hast Du dabei gelernt?

 

Der Einstieg in die Mittelschule war herausfordernd – weniger wegen eines einzelnen Moments, sondern weil ich in ein System kam, das ich erst verstehen musste. Schule funktioniert nach eigenen Regeln, Dynamiken und Erwartungen, und ich war plötzlich mittendrin. 

Gleichzeitig hatte ich den Wunsch, Verantwortung zu übernehmen – und bekam sie auch. Aber ganz ehrlich: Am Anfang war es viel. Neue Rolle, neue Fächer, neue Beziehungen. Ich musste mich in kurzer Zeit in sechs Fächer einarbeiten, Klassenvorständin sein und gleichzeitig das Vertrauen von Jugendlichen und Kolleg:innen gewinnen, die Schule oft als frustrierend erlebt hatten. 

Was mir geholfen hat, waren zwei Dinge: Zeit und Begleitung. Mein Coach half mir, die vielen Herausforderungen in Struktur zu bringen, Prioritäten zu setzen und nicht die Orientierung zu verlieren. Erfahrene Fellows unterstützten mit Materialien und Tipps. 

Die wichtigste Lektion war jedoch diese: Alles beginnt mit Beziehungen. Jugendliche folgen keiner perfekten Planung – aber sie folgen Menschen, die sie ernst nehmen. Ich habe gelernt, auf Augenhöhe zu begegnen, authentisch zu sein, Fehler zuzulassen – sowohl ihre als auch meine – und nicht auf Defizite zu schauen, sondern auf Potenziale.

Rückblickend war dieser Einstieg mein erstes reales Leadership-Training: Komplexität annehmen, Unsicherheit aushalten und gleichzeitig Mensch bleiben.

Zur Person

Edina Hadziahmetovic studierte Politikwissenschaften und war Teach For Austria Fellow von 2016 bis 2018. Ihr beruflicher Weg führte sie von der pädagogischen Arbeit in der Mittelschule über die Erwachsenenbildung in die Geschäftsführung von everyone codes – einer Organisation, die Menschen den Einstieg in die IT ermöglicht.
Geprägt von ihrer eigenen Migrationsgeschichte beschäftigt sie sich seit vielen Jahren mit Fragen von Bildungszugang und Chancengerechtigkeit und bringt diese Perspektive heute in ihre Führungsarbeit und beruflichen Entscheidungen ein.

"Alles beginnt mit Beziehungen. Jugendliche folgen keiner perfekten Planung – aber sie folgen Menschen, die sie ernst nehmen."

Edina Hadziahmetovic, TFA Alumna

Worauf warst Du als Lehrkraft besonders stolz?

 

Ich glaube, mein größter Erfolg war etwas sehr Unaufgeregtes: Mein Mathematikunterricht wurde für viele zu einer angstfreien Zone – und für mich auch.

Ich hatte selbst als Jugendliche großen Respekt vor Mathematik. Deshalb war es fast ein persönlicher Kreis, der sich geschlossen hat: Zu erleben, wie im Classroom Ermutigung statt Überforderung Platz hatte – und wie Schüler:innen begriffen, dass sie doch rechnen können – war für mich eines der schönsten Ergebnisse dieser zwei Jahre. 

Als Klassenvorständin habe ich außerdem 14 Schüler:innen bis zum Pflichtschulabschluss begleitet. Gemeinsam haben wir die nächsten Schritte erarbeitet: Lehre, weiterführende Schulen, außerordentliche Prüfungen. Diese Entwicklung zu sehen – vom „Ich weiß nicht, ob ich das schaffe“ bis zum Zeugnis in der Hand – war extrem berührend. 

Und dann gab es noch etwas, das ich erst rückblickend wirklich verstanden habe: die Bedeutung von Repräsentation. Für viele meiner Schüler:innen war es das erste Mal, eine Lehrerin mit einem Namen wie ihrem zu sehen – eine „Jugo“, wie manche es liebevoll formulierten. Jemand, der ihre Realitäten kannte, ihre Geschichten verstand und der gezeigt hat: Auch wir können Lehrer:innen sein. Auch wir können Wege gehen, die nicht für uns vorgesehen schienen. 

Dass sie das einmal in ihrem Bildungsweg erleben konnten, war mir wichtiger als ein großes Vorzeigeprojekt – weil echte Wirkung selten dort entsteht, wo alle zuschauen.

Was genau machst Du jetzt beruflich?

 

Ich bin Geschäftsführerin von everyone codes, einer gemeinnützigen Organisation, die Erwachsenen den Einstieg in die IT ermöglicht – durch Orientierungskurse, IT-Ausbildungen und individuelle Begleitung. 

Unser Ziel ist es, echte Chancen zu schaffen: Menschen nicht nur irgendeinen IT-Job zu ermöglichen, sondern eine Perspektive, die langfristig, gut bezahlt und würdevoll ist. Unser Kernprogramm ist auf Englisch, damit auch neu Zugewanderte oder Menschen mit Migrationshintergrund Zugang zu einer zukunftsorientierten Ausbildung haben. 

Für mich persönlich ist die Arbeit ein logischer Schritt: Ich habe oft an meine Eltern gedacht – und welche Chancen sie gebraucht hätten. Wenn Erwachsene bessere Möglichkeiten bekommen, verändert das automatisch auch die Wege ihrer Kinder. Heute an diesem Punkt anzusetzen, fühlt sich richtig und sinnvoll an.

In meiner Rolle verantworte ich die operative Umsetzung unserer Programme sowie die Weiterentwicklung der Organisation, gemeinsam mit meinem Team und unseren Partnern. Die Arbeit ist anspruchsvoll, die Ressourcen knapp, aber wir sehen täglich, wie Menschen Mut fassen, beruflich neu zu beginnen, und wie diese Schritte Lebenswege verändern.

"[Ich war] jemand, der ihre Realitäten kannte, ihre Geschichten verstand und der gezeigt hat: Auch wir können Lehrer:innen sein. Auch wir können Wege gehen, die nicht für uns vorgesehen scheinen."

Edina Hadziahmetovic, TFA Alumna

Wärst Du denkst Du ohne Teach For Austria denselben Weg gegangen, den Du jetzt gegangen bist?

 

Nein, ich glaube nicht. TFA war das erste Umfeld, das mich nicht über meinen Lebenslauf definiert hat, sondern über das, was in mir steckt. Dieses ehrliche Zutrauen hat etwas Grundlegendes in mir verschoben.

 Ich habe verstanden: Man muss nicht vorher alles wissen. Man wächst, indem man Verantwortung annimmt – Schritt für Schritt, oft früher als man glaubt. 

Diese Haltung begleitet mich bis heute und prägt, welche Chancen ich ergreife und welche Wege ich mir zutraue.

Was würdest Du einer Person raten, die gerade mit dem Gedanken spielt, zwei Jahre das Social Leadership Programm von Teach For Austria zu machen?

 

Es ist intensiv, anspruchsvoll und transformierend – und genau deshalb lohnt es sich. 

Man lernt die eigenen Stärken kennen, aber auch die eigenen Grenzen. Und man lernt, dass es nicht darum geht, immer höher, schneller, weiter zu kommen, sondern darum, sein Möglichstes mit Haltung und Menschlichkeit zu geben. 

Mit Offenheit, Lernbereitschaft und guter Selbstfürsorge können diese zwei Jahre prägend sein.

Und noch als Abschluss: Was bedeutet Leadership persönlich für Dich?

 

Leadership beginnt für mich nicht im Außen, sondern bei einem selbst: bei der Bereitschaft, sich den eigenen Motiven, Schattenseiten und Grenzen ehrlich zu stellen. Wer in sich aufgeräumt ist, führt klarer, ruhiger und menschlicher.

Führung heißt für mich, Entscheidungen zu treffen, wenn sie keiner treffen will; Verantwortung zu halten, wenn sie schwer wird; und Komplexität auszuhalten, ohne die eigene Haltung zu verlieren.

Es bedeutet auch, sich der eigenen Privilegien bewusst zu sein: Wer Zugang zu Chancen hat, trägt Verantwortung, sie weiterzugeben – besonders an jene, für die sie nicht selbstverständlich sind. Für mich misst sich Führung nicht an Status oder Erfolg, sondern daran, wie viel Raum man schafft, damit andere wachsen können – und ob man Wege öffnet, die vorher verschlossen waren. 

Und am Ende zeigt sich gute Führung für mich nicht darin, wo man selbst ankommt, sondern wen man unterwegs mitnimmt.

– Juli 2026

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