Feminismus als Schlüssel zu Bildungsfairness

Es ist einer dieser Nachmittage, an denen unser Office voller ist als sonst. Sessel werden enger zusammengeschoben, Taschen unter Stühlen verstaut, Bücher aufgeschlagen. Auf dem Tisch liegt „Funkenschwestern. Wie Feminismus alles besser macht.” Barbara Blaha ist bei TFA, um ihr Buch vorzustellen und mit uns über eine Frage zu sprechen, die nah an unserer täglichen Arbeit liegt: Was hat Feminismus mit Bildungsfairness zu tun?

Wir beschäftigen uns jeden Tag damit, warum Bildungschancen in Österreich noch immer ungleich verteilt sind. Barbara Blaha wiederum bringt ihre feministische Expertise ein, mit der sie gesellschaftliche Strukturen analysiert. Im Austausch wird schnell klar, wie eng diese beiden Perspektiven zusammengehören.

Barbara Blaha arbeitet am liebsten an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik. Sie leitet das Momentum Institut wie den Momentum Kongress, ist Universitätsrätin der Universität Wien und Mitgründerin des Wiener Balls der Wissenschaften sowie Buchautorin von "Funkenschwestern. Wie Feminismus alles besser macht." (Quelle)

Feminismus als Blick auf Bildungsungleichheit

Gleich zu Beginn beschreibt Barbara Blaha Feminismus nicht als fertige Haltung, sondern als Lernprozess:

„Kein Baby kommt auf die Welt und denkt sich: ‘Frauen sind nichts wert.“ Rollenbilder, Abwertungen und Ungleichheiten würden früh gelernt. Deshalb gehe es darum, sie wieder zu verlernen.

Bildungsbenachteiligung beginnt nicht erst, wenn ein Kind eine schlechte Note bekommt oder beim Übergang in eine weiterführende Schule übersehen wird. Sie beginnt dort, wo Kindern bestimmte Rollen zugeschrieben werden. Wo Mädchen lernen, weniger Raum einzunehmen. Wo Buben lernen, Gefühle nicht zu zeigen. Wo pädagogische Arbeit weniger wert ist, weil sie als „Frauenarbeit“ gilt.

Ein Beispiel aus dem Gespräch ist der Kindergarten. Blaha erklärt, warum er gesellschaftlich oft unterschätzt wird: Arbeit mit und an Menschen wird vor allem Frauen zugeschrieben. Und was Frauen machen, wird häufig als weniger wichtig und weniger wertvoll wahrgenommen.

Aus unserer Perspektive ist das zentral. Der Kindergarten ist für viele Kinder die erste und wichtigste Bildungsinstitution. Hier entstehen Sprache, Beziehung, Selbstvertrauen und erste Erfahrungen in einer Gemeinschaft. Wer diesen Ort abwertet, unterschätzt einen entscheidenden Teil von Bildungsfairness.

„Kein Baby kommt auf die Welt und denkt sich: ‘Frauen sind nichts wert.“

Barbara Blaha, Leiterin des Momentum-Instituts und Buchautorin

Bildungsfairness beginnt bei uns selbst, Reflexion ist Teil unserer Verantwortung

Der Nachmittag war für uns nicht nur ein Gespräch über gesellschaftliche Strukturen, sondern auch eine Einladung zur Selbstreflexion. Wenn wir über Bildungsfairness sprechen, müssen wir auch fragen, wo wir selbst Rollenbilder übernehmen, welche Perspektiven wir stärken und welche wir vielleicht noch zu wenig sehen.

Als Organisation arbeiten wir daran, Kindern und Jugendlichen mehr Möglichkeiten zu eröffnen. Gleichzeitig wissen wir: Auch wir bewegen uns in Strukturen, die nicht frei von Ungleichheit sind. Auch wir müssen hinschauen, wenn es um Sprache, Repräsentation, Führungsbilder, Care-Arbeit oder Erwartungen an Menschen in Bildungsberufen geht.

Diese Reflexion ist kein Zeichen von Schwäche. Sie ist Teil unserer Verantwortung. Wer Veränderung ermöglichen will, muss bereit sein, die eigene Rolle mitzudenken.

Schule als Ort und Antwort für gelebten Feminismus

Auch in der Schule setzen sich Rollenbilder fort. Im Gespräch wird eine Passage aus Barbara Blahas Buch aufgegriffen: Buben bekommen im Unterricht oft mehr Aufmerksamkeit, werden häufiger aufgerufen, erhalten komplexere Fragen und ausführlicheres Feedback. Mädchen werden dagegen häufiger sozial wahrgenommen: als brav, freundlich, hilfsbereit.

Für uns ist das kein Randthema. Wenn wir über Bildungsfairness reden, sprechen wir auch über Erwartungen, über Sprache,über Beziehung. Über die Frage, wer im Klassenzimmer gesehen wird und wer nicht.

Barbara Blahas Antwort darauf ist keine einfache Handlungsanleitung. Sie sagt nicht: Macht dieses eine Projekt, dann ist das Problem gelöst. Im Gegenteil. „Wir alle sind nicht frei von diesen Stereotypen“, sagt sie. Lehrkräfte und Pädagog:innen müssen ihre eigenen Wahrnehmungslücken erkennen. Nicht allein, sondern im Austausch, durch Beobachtung und Feedback. Genau hier kann Schule ein anderer Ort werden - nicht perfekt, aber bewusster.

„Wir alle sind nicht frei von diesen Stereotypen.“

Barbara Blaha, Leiterin des Momentum-Instituts und Buchautorin

Lernräume, die Stereotype und Erwartungen aufbrechen

Wenn ein Mädchen immer wieder gebeten wird, aufzuräumen oder Rücksicht zu nehmen, ist das nicht nebensächlich. Wenn ein Bub nicht lernt, Unsicherheit auszudrücken, ist das nicht nebensächlich. Wenn technische Themen so angeboten werden, dass sich vor allem Buben angesprochen fühlen, ist das nicht nebensächlich.

Barbara Blaha bringt dafür ein konkretes Beispiel: Programmieren muss nicht nur als Wettbewerb erzählt werden. Es kann auch darum gehen, mit Technik Lösungen für Pflege, Unterstützung oder soziale Fragen zu entwickeln. Dann öffnen sich Räume für Kinder, die sich sonst vielleicht nicht angesprochen fühlen. Nicht, weil Interessen biologisch festgelegt wären, sondern weil Kinder früh lernen, was angeblich zu ihnen passt.

Scham als Folge eines unfairen Systems

Besonders eindrücklich ist der Moment, in dem aus der TFA Community von Schüler:innen erzählt wird, die sich dafür schämen, eine Mittelschule zu besuchen. Barbara Blaha greift diesen Punkt auf: „Scham isoliert uns.“ Sie macht aus einem strukturellen Problem ein persönliches Gefühl. Kinder, die sozioökonomisch benachteiligt werden, glauben dann, sie seien selbst schuld. Dabei hatten sie von Beginn an weniger Chancen.

Was hilft, ist nicht Mitleid. Was hilft, sind Räume, in denen Kinder erleben: Ich mache einen Unterschied. Es ist nicht egal, ob ich da bin. Es ist nicht egal, was ich sage. Barbara Blaha formuliert es so: „Die Kinder müssen erleben, es macht einen Unterschied, ob sie da sind oder nicht.“

Für Teach For Austria ist das der Kern von Bildungsfairness. Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen etwas zutrauen. Sie brauchen Lernräume, in denen sie sich einmischen dürfen. Und sie brauchen Pädagog:innen und Lehrkräfte, die nicht nur Leistung bewerten, sondern Beziehung ermöglichen.

Feminismus bedeutet, genauer hinzuschauen: Wer bekommt Aufmerksamkeit? Wer wird unterschätzt? Wessen Arbeit wird abgewertet? Welche Kinder lernen früh, dass sie weniger zählen?

Wer Bildungsfairness ernst nimmt, muss über Feminismus sprechen

Als Organisation verstehen wir uns auch als Brückenbauerin. Wir bringen Menschen aus Kindergarten, Schule, Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Politik und Praxis zusammen. Der Nachmittag mit Barbara Blaha war genau so ein Raum: Wir haben unsere Perspektive auf Bildungsfairness eingebracht, sie ihre feministische Analyse.

Feminismus bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, ein zusätzliches Thema auf eine ohnehin volle Agenda zu setzen. Feminismus bedeutet, genauer hinzuschauen: Wer bekommt Aufmerksamkeit? Wer wird unterschätzt? Wessen Arbeit wird abgewertet? Welche Kinder lernen früh, dass sie weniger zählen?

Bildungsfairness beginnt dort, wo Kinder nicht auf ihre Herkunft, ihr Geschlecht oder die Erwartungen anderer reduziert werden. Sie beginnt in Beziehungen, in Sprache, in Unterrichtsgestaltung, in Vertrauen. Oder wie Barbara Blaha es an diesem Nachmittag sagt: „Vertrauen ist überhaupt eine gute Idee, wenn man mit Kindern arbeitet.“

Vielleicht ist das auch eine Frage, die über diesen Nachmittag hinausgeht: Wo begegnen uns Rollenbilder im Alltag? Welche Erwartungen geben wir bewusst oder unbewusst weiter? Und wo können wir Kindern und Jugendlichen Räume öffnen, in denen sie erleben, dass ihre Stimme zählt?

Der Nachmittag hat gezeigt: Gesellschaftspolitische Auseinandersetzung gehört mitten in die Bildungsarbeit. Nicht als abstrakte Debatte, sondern als notwendiger Teil pädagogischer Verantwortung. Wer Bildungsfairness ernst nimmt, muss über Feminismus sprechen. Und wer über Feminismus spricht, spricht immer auch darüber, welche Zukunft Kindern offensteht.

 

– Juni 2026

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