Wenn Schüler:innen mehr können, als ihre Noten zeigen

Eine Schülerin entdeckt ihren Traumberuf: Elementarpädagogin. Doch eine schlechte Note steht ihr im Weg. Fellow Jakob erlebt im Schulalltag, wie viel Potenzial hinter Zeugnissen oft verborgen bleibt und warum junge Menschen Menschen brauchen, die an sie glauben.

Person macht Selfie vor grüner Tafel im Klassenzimmer; links farbige Kunstwerke an der Wand.

„Es waren die besten Tage meines Lebens, Herr Herzog“, erzählt mir eine Schülerin aus der 4. Klasse und strahlt über beide Ohren. Nach ihren berufspraktischen Tagen scheint sie ihren Traumberuf gefunden zu haben: Elementarpädagogin in einem Kindergarten. Ich freue mich mit ihr – weil sie etwas gefunden hat, das sie gerne macht und auch richtig gut kann. Das bestätigt die Leiterin des Kindergartens, in dem sie ihr Praktikum absolviert hat.
Ich frage sie, ob sie dann nächstes Jahr auf die BAfEP geht. „Nein, ich wurde leider nicht angenommen, weil ich in Englisch eine schlechte Note habe. Jetzt gehe ich aufs Poly. Aber ich versuch’s danach nochmal.“ Der Grinser ist aus ihrem Gesicht verschwunden – verständlicherweise.

„Es waren die besten Tage meines Lebens.“

Schülerin von Fellow Jakob

Ich merke, wie die Wut in mir aufsteigt. Ständig hören wir überall, wie dringend Elementarpädagog:innen gesucht werden, und diese junge Frau, die genau diesen Beruf als ihren absoluten Traumjob bezeichnet, bekommt keine Chance, weil im Bildungs- und teilweise auch im Arbeitskontext am Ende oft nur eines zählt: die Noten. Die sagen aber meist wenig darüber aus, was junge Menschen alles leisten und können. Im Fall meiner Schülerin erfährt man über ihr Zeugnis nämlich nicht, dass sie neben Deutsch und Englisch noch eine weitere Sprache fließend spricht, dass sie in ihrem Alltag sehr oft Verantwortung für sich und andere übernimmt, dass sie eigenständig lernt und eine total mutige, kreative, neugierige und empathische junge Frau ist. All das sind Fähigkeiten, die sich sicher viele Arbeitgeber:innen wünschen. Ich jedenfalls würde mich freuen, wenn diese Schülerin die Elementarpädagogin meines Sohnes wäre!

„Was mich schwer beeindruckte, war, dass sie nicht ans Aufgeben dachte."

Jakob Herzog, Fellow in der Mittelschule

Ich dachte mir: Hätte die Schule nicht nur ihr Zeugnis gesehen, sondern die Schülerin tatsächlich kennengelernt, würde sie sicher aufgenommen werden. Also sprach ich mit zwei Lehrkräften der betreffenden Schule und schrieb ihr ein persönliches Empfehlungsschreiben. Aber vergebens: Zu einem persönlichen Gespräch kam es nie – ein weiteres Mal bekam sie eine Absage.
Was mich schwer beeindruckte, war, dass sie nicht ans Aufgeben dachte. Während sie das Poly besuchte, bewarb sie sich bei einer weiteren BAfEP und sicherheitshalber auch an einer Handelsschule. Vor ein paar Tagen schrieb sie mir dann: „Herr Herzog, ich wollte Ihnen eine gute Nachricht mitteilen.“ Sie hatte es tatsächlich geschafft und den Platz an der BAfEP, der ihr mehr als zusteht, bekommen. Ich habe mich wahnsinnig für sie gefreut.
Leider geht es aber nicht all meinen (ehemaligen) Schüler:innen so. Für viele ist die Entscheidung, wie es nach der Pflichtschule weitergeht, verständlicherweise überfordernd. Außerdem ist vielen in diesem Alter noch nicht klar, welchen Job sie gerne einmal ausüben wollen. Und es gibt viele Hürden, vor denen einige Jugendliche völlig alleine dastehen. Ohne Netzwerk. Ohne Unterstützung. Wenn ich daher eines in meiner Zeit als Fellow und ganz generell in der Arbeit im Bildungsbereich gelernt habe, dann ist es, dass junge Menschen besonders eines brauchen: Jemanden, der oder die an sie glaubt.

„Wenn eines in meiner Zeit als Fellow und ganz generell in der Arbeit im Bildungsbereich gelernt habe, dann ist es, dass junge Menschen besonders eines brauchen: Jemanden, der oder die an sie glaubt."

Jakob Herzog, Fellow in der Mittelschule

— März 2026

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