Wie Wirkung sich entfaltet: Andrea über ihre Fellow-Erfahrungen und ihren Weg in die psychosoziale Innovation

Andrea war TFA Fellow 2020 an einer Mittelschule. Heute arbeitet sie an der Schnittstelle von Bildung, psychologischer Bildung und Innovation – unter anderem als Gründerin des Vereins Stabil im Kopf.

Im Gespräch erzählt sie, welche Herausforderungen und Learnings ihre Fellow-Zeit geprägt haben, warum Community für Veränderung so wichtig ist und wie Teach For Austria ihren weiteren Weg beeinflusst hat.

Porträt einer Person mit braunen kurzen Haaren, lächelnd, burgunderrotem Oberteil vor neutralem Hintergrund.

Liebe Andrea, Du warst TFA-Fellow 2020. Wo hast Du das erste Mal von Teach For Austria gehört und warum hast Du Dich damals entschieden, Dich für das zweijährige Social Leadership Programm von Teach For Austria zu bewerben?

 

Ich habe zum ersten Mal bei einem Leadership-Workshop im Rahmen der Zusammen:Österreich Akademie des ÖIF von Teach for Austria gehört. Ich glaube, das war 2017. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich den Wunsch, Bildungsgerechtigkeit aktiv mitzugestalten. 2019 habe ich schließlich entschieden, mich für das Programm zu bewerben. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich in meinen Augen die notwendige Erfahrung und Reflexionsfähigkeit, um im Bildungssystem auch wirklich einen Unterschied machen zu können. Das war der ausschlaggebende Grund für meine Bewerbung: Ich wollte etwas verändern. Und um das zu tun, musste ich Teil des Bildungssystems werden, damit ich verstehe, wie es funktioniert und wo man anpacken kann. 

Du warst dann TFA Fellow in der Mittelschule. Was waren dort Deine größten Herausforderungen und was hast Du dabei gelernt?
 

Eine große Herausforderung waren mit Sicherheit die starken Niveauunterschiede der Schüler:innen und meine beschränkten Ressourcen – vor allem zeitliche. Einige Schüler:innen waren erst kurz zuvor eingeschult worden und brauchten sehr viel Förderung. Wieder andere hatten Potenziale und Interessen, die ich fördern wollte. Es gelang mir nicht immer, aber ich bin sehr stolz auf die Stunden und Fächer, in denen ich alle Schüler:innen ein Stück auf ihrem Weg weiterbringen konnte. Gleichzeitig lernte ich, sehr flexibel zu sein und spontan auf die Bedürfnisse der Jugendlichen einzugehen. Ich lernte, dass es zunächst viel wichtiger ist, auf die Jugendlichen einzugehen und ihre Probleme zu verstehen, bevor ich den Unterrichtsstoff mit ihnen durchgehe.
 

Worauf warst Du als Lehrkraft besonders stolz?

 

Ich habe zwei Jahre lang Englisch in einer 3. und 4. Klasse unterrichtet. So sehr ich Sprachen liebe, so schwer fiel mir dieser Unterricht, weil die Wissensstände der einzelnen Schüler:innen unterschiedlicher nicht sein könnten. Während zwei meiner Schülerinnen Englisch auf Matura-Niveau sprachen und schrieben, hatten manche Schüler:innen kaum Basis-Vokabular. Ich habe im Laufe dieser zwei Jahre unterschiedliche Dinge ausprobiert. Mein Anspruch war es, dass sich jeder von ihnen verbessert und etwas Neues lernt. In den letzten Monaten der 4. Klasse machte ich mit ihnen ein Projekt, bei dem jeder von ihnen einen individuellen Lehrplan bekam. Die zwei besten Schülerinnen übten sich in dieser Zeit als Lerncoaches und waren darin wirklich großartig. Alle Schüler:innen machten in dieser Zeit große Fortschritte und ich war echt stolz darauf, was wir gemeinsam in so kurzer Zeit auf die Beine stellen konnten. Die zwei Schülerinnen schreiben mir übrigens immer noch regelmäßig und erzählen mir von ihren Schulerfolgen und davon, wie sehr sie den Englisch-Unterricht mochten, weil sie so kreativ sein konnten. 

Zur Person

Andrea Grman hat Literaturwissenschaft und Romanistik studiert und war TFA Fellow 2020 an einer Wiener Mittelschule. 2023 gründete sie den Verein „Stabil im Kopf“ und setzt sich damit heute für psychosoziale Bildung und Innovation ein. 

„Ich wollte etwas verändern."

Andrea Grman, TFA Alumna und Gründerin von "Stabil im Kopf"
Person in grünem Blazer spricht auf einer Veranstaltung; Namensschild sichtbar, Hintergrund mit bunten Streifen und weiteren Teilnehmenden.

Was machst du heute beruflich?

 

Im Dezember 2023 habe ich gemeinsam mit einem anderen Fellow den Verein „Stabil im Kopf“ gegründet. Wir machen Workshops im Bereich psychologische Bildung. Unser Ziel ist, dass alle Kinder und Jugendlichen eine bessere Beziehung zu sich selbst und anderen aufbauen können. Im Rahmen eines Forschungsprojekts haben wir das Thema Konflikte in Schulen sehr intensiv unter die Lupe genommen. Resultierend daraus haben wir eine KI-gestützte Plattform entwickelt, die Lehrpersonen gezielt bei Konflikten und sozialen Herausforderungen in der Klasse begleitet – www.classpilot.at.
Zusätzlich arbeite ich als Mediatorin, Lebens- und Sozialberaterin & Coach für Neuanfänge und Veränderungsprozesse. Ich empfinde es als sehr wertvoll, in mehreren Bereichen gleichzeitig tätig zu sein, da ich sehr viel aus den Erkenntnissen in einer Branche in eine andere mitnehmen kann. Zusammenfassen könnte man meine ganze Tätigkeit mit „Psychosoziale Innovation“.

 

Wärst du denkst du ohne Teach For Austria den selben Weg gegangen, den du danach gegangen bist?
 

Nein, das denke ich nicht. Obwohl es jetzt Möglichkeiten gibt, als Quereinsteiger:in in der Schule zu starten, weiß ich nicht, ob ich mich zum einen getraut hätte, diesen Schritt ganz ohne Unterstützung an der Seite zu gehen. Zum anderen bin ich vor allem durch den Austausch mit anderen Fellows und Alumni an den Punkt gelangt, wo ich jetzt bin. Natürlich gibt es andere Netzwerke, aber ich würde sagen, wenn man gleichgesinnte, motivierte Menschen sucht, um etwas im Bildungssystem zu bewegen, dann findet man davon bei TFA sehr schnell sehr viele. Das ist ein großes Privileg und ich bin sehr dankbar, Teil davon zu sein.

 

Inwiefern profitierst Du von dem Social Leadership Programm in Deinem heutigen beruflichen Alltag?

 

Das Social Leadership Programm hat mich einerseits gelehrt, tief in ein Thema einzutauchen – und dann gleich mit anzupacken. Das ist etwas, was ich jetzt bei Stabil im Kopf immer noch so mache. Theoretische Impulse sind für mich unglaublich wertvoll, gleichzeitig hat Theorie ohne Praxis keine Wirkung. Deshalb sind bei uns im Verein diese beiden Ansätze stark ineinander verwoben.
Andererseits war das Programm eine wertvolle Lektion im lösungsorientierten Handeln. Das Bildungssystem hat große Mängel, keine Frage. Aber es hilft nicht, nur zu sudern. Seit dem Social Leadership Programm habe ich mehr Zuversicht, dass es für viele Probleme eine Lösung gibt – selbst wenn diese noch nicht gefunden wurde. Das hilft mir, mit viel mehr Neugier an Herausforderungen heranzugehen.

„Wenn man gleichgesinnte, motivierte Menschen sucht, um etwas im Bildungssystem zu bewegen, dann findet man davon bei TFA sehr schnell sehr viele."

Andrea Grman, TFA Alumna und Gründerin von "Stabil im Kopf"

Was sind Deine Pläne für die Zukunft?

 

Mein Stichwort für 2026 ist „Grow“. Ich möchte alle bestehenden Tätigkeiten im Verein und in meinem Unternehmen mehr verwurzeln. Viele Projekte wurden im letzten Jahr mit viel Sorgfalt pilotiert und getestet. Jetzt geht es daran, sie auszubauen, zu verfeinern und mehr Menschen damit zu erreichen – was langfristig zu einer höheren Wirkung führt.

 

Was würdest Du einer Person raten, die gerade mit dem Gedanken spielt, zwei Jahre das Social Leadership Programm von Teach For Austria zu machen?
 

Ich weiß, dass es keine leichte Entscheidung ist. Wenn du bereit bist, deine Zeit und Energie in das Bildungssystem zu investieren und im Gegenzug viel wachsen und lernen möchtest, dann kann ich dich nur ermutigen, dich bei Teach for Austria zu bewerben. Nirgendwo sonst bekommst du so viel Community-Power wie hier.

– März 2026

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