Die wichtigsten Lektionen über Organisationsentwicklung - aus der Mittelschule in Wien-Favoriten
Nach zwei intensiven Jahren ist mein Social Leadership Programm bei Teach For Austria letzte Woche zu Ende gegangen. Drei Erkenntnisse über Leistung und Transformation nehme ich aus der Schule mit zurück in die Wirtschaft.
Zur Person
Philip Semelmayer, TFA Fellow 2024, erzählt von den wichtigsten Lektionen über Organisationsentwicklung die er im zweijährigen Social Leadership Programm gelernt hat und wie ihn seine Erfahrungen hier geprägt haben.
Philip hat Internationale Betriebswirtschaft und Wirtschaftsrecht studiert. Er war fünf Jahre als Consultant in einer Top Management Beratung tätig und ist 2024 als TFA Fellow an einer Wiener Mittelschule an den Start gegangen.
Hohe Erwartungen
Der limitierende Faktor ist oft nicht das Potenzial, sondern zu geringe Anforderungen. Niedrige Lesekompetenz ist genauso wenig gottgegeben wie Bürokratie in großen Konzernen. In meiner Klasse haben wir das Ziel gesetzt, auch Kinder, die bisher kein einziges ganzes Buch gelesen hatten, zu Leseprofis zu machen. Der Fortschritt innerhalb eines Jahres war beeindruckend: Meine Klasse steigerte ihre durchschnittliche Leseleistung deutlich (siehe Grafik). Statt uns damit zufriedenzugeben, haben wir die Messlatte weiter angehoben. Die Grafik hing anschließend als tägliche Erinnerung vorne neben der Tafel.
"Der limitierende Faktor ist oft nicht das Potenzial, sondern zu geringe Anforderungen."
Transparente Leistungen
Mitarbeitspunkte in jeder Stunde, eine Benachrichtigung der Eltern bei einer „Perfekten Woche“, regelmäßige Leistungsgespräche (siehe Foto), Sterne bei tollen Klassenleistungen und Urkunden für besondere Erfolge am Semesterende. Eine Leistungskultur erfordert hohe Transparenz und möglichst unmittelbare Verstärkung von positivem Verhalten. Besonders bei leistungsschwächeren Kindern hat direktes positives Feedback viel bewirkt. „Es hat noch nie ein Lehrer meiner Mutter geschrieben, um mich zu loben. Danke!“, hat mir ein Schüler zurückgemeldet und in den folgenden Stunden mit rührendem Eifer mitgearbeitet.
Konsequentes Verhalten
Um ein gewünschtes Verhalten herbeizuführen, braucht es eine klare Kommunikation und Konsequenzen. Auf unserer Klassenfahrt in Italien konnten sich die Schüler:innen teilweise frei bewegen. Daher war Pünktlichkeit bei Treffpunkten sehr wichtig. Wer auch nur eine Minute zu spät war, musste ein italienisches Gedicht auswendig lernen. Gleich am ersten Tag ist das dummerweise mir selbst passiert. Also habe ich „Farfallina bella e bianca“ gelernt. Die Akzeptanz der Regel und die Pünktlichkeit der Gruppe war danach enorm.
"Es hat noch nie ein Lehrer meiner Mutter geschrieben, um mich zu loben. Danke!“
Zu sehen, wie Jugendliche innerhalb von zwei Jahren Selbstvertrauen entwickeln und plötzlich an sich glauben, war berührend und inspirierend. Mit hohen Erwartungen, konsequenter Unterstützung und positiver Bestärkung sind große Veränderungen und Entwicklungssprünge möglich. Ich habe an der Schule viel gelernt und bin sehr froh (und auch ein wenig stolz), dass ich den Mut hatte, diesen Schritt zu machen. Jetzt geht es zurück in die Wirtschaft in den Bereich Organisationsentwicklung & Transformation – zu welchem Unternehmen genau, entscheidet sich in den nächsten Wochen.
– Juli 2026