Medienbildung in der Volksschule: Wenn Achtjährige mit KI Hausübungen machen
Was im ersten Moment fast unglaublich klingt, ist tatsächlich Teil meines Schulalltags geworden: Meine 8-jährigen Schüler:innen nutzen ChatGPT für ihre Hausübungen. Einige Kinder fotografieren Aufgaben, laden sie hoch und kopieren die Antworten - oft ohne zu hinterfragen, was sie da eigentlich tun. Gleichzeitig gibt es in derselben Klasse Kinder, die eigene Spiele programmieren oder YouTube-Kanäle mit 400 Follower:innen betreiben. Einige ihrer Videos haben bereits 8.000 Aufrufe. Sie sind acht bis zehn Jahre alt.
Digitale Kompetenz beginnt in der Volksschule
Kinder wachsen heute in einer Welt auf, in der Technologie und künstliche Intelligenz selbstverständlich sind. Doch während einige von ihnen bereits kreativ und reflektiert mit digitalen Tools umgehen, nutzt der Großteil sie einfach nur - ohne zu verstehen, was dahintersteckt. Diese Beobachtung erschreckt mich und begeistert mich gleichzeitig. Denn sie zeigt:
Martina Gusel studierte Internationales Management an der ESCP Business School in London, Madrid und Berlin und absolvierte ihren Master in MedienSpielPädagogik an der Universität für Weiterbildung in Krems. Nach fast drei Jahren in der Implementierung von Lernsoftwares und deren Veränderungsprozessbegleitung in Unternehmen, wuchs ihre Leidenschaft für den Bildungsbereich und sie vertiefte sich in das Entdecken der Stärken von jungen Menschen und das Entwickeln ihrer Gestaltungskompetenzen. Seit September 2025 unterrichtet Martina an einer Volksschule in Wien und engagiert sich für individuelles Lernen, potenzialfokussiertes Lernen, Entrepreneurship und Medienbildung. Martina liebt ihre kreative Arbeit als Volksschullehrerin und geht meistens motivierter aus der Schule hinaus, als sie in der Früh hineingegangen ist. Denn sie sieht, wie viel Potenzial in diesen Kindern steckt. Gleichzeitig ist ihr bewusst, wie dringend wir handeln müssen. Auf diversen Ebenen.
„Digitale Grundbildung beginnt nicht erst in der Sekundarstufe. Sie beginnt bereits in der Volksschule und davor."
Fähigkeiten stärken, die morgen entscheidend sind
Diese Beobachtungen haben mich dazu bewegt, den aktuellen Fokus in Sachunterricht auf Kompetenzen wie „Anleitungen zu spielerisch-technischen Anwendungen ausführen” und „einfache Probleme durch Programmieren lösen und Anleitungen (Codes) erstellen” zu setzen. Einige meiner Schüler:innen beeindruckten mich mit ihren Fähigkeiten: Sie entwickelten Spiele und programmierten Robotor, als hätten sie das immer schon gemacht. Genau diese Fähigkeiten gilt es zu stärken! Denn diese Kinder werden in 5 bis 10 Jahren in eine Arbeitswelt eintreten, die wir heute noch kaum verstehen.
„Wenn die Kinder jetzt lernen, Technologie bewusst und kritisch zu nutzen, werden sie später nicht nur Konsument:innen, sondern medienkompetente Gestalter:innen sein."
Digitale Mündigkeit braucht mehr als Tools
Doch es gibt auch eine Kehrseite: Viele Kinder nutzen KI und vor allem LLM, ohne zu hinterfragen. Sie kopieren Antworten, ohne zu verstehen, ob sie richtig sind. Sie verbringen Stunden vor Bildschirmen, ohne zu wissen, welche (personenbezogenen) Daten sie preisgeben. Das gefährdet nicht nur ihre Fähigkeit, selbstständig zu denken, sondern auch ihre Privatsphäre.
Besonders an Schulen mit sozioökonomischen Herausforderungen fehlt oft die Begleitung durch Eltern oder Bezugspersonen. Viele Eltern sind selbst überfordert und können ihre Kinder nicht ausreichend unterstützen. Hier braucht es starke Bildungspartnerschaften zwischen der Schule, den Eltern und den Kindern, um Lücken zu schließen und begleitend aufzuklären.
Was wir tun können – und müssen
1. Digitale Grundbildung in den Unterricht integrieren
Kinder müssen verstehen, wie KI funktioniert, wie Algorithmen Antworten generieren und warum nicht alles, was im Internet steht, stimmt. Das ist keine Frage des „Ob“, sondern des „Wie“. Schon in der Volksschule können wir spielerisch vermitteln:
- Wie erkenne ich vertrauenswürdige Quellen?
- Was passiert mit meinen Daten, wenn ich etwas online stelle?
- Wie nutze ich Technologie, um kreativ zu sein - statt nur zu konsumieren?
2. Eltern und Bezugspersonen einbeziehen
Viele Eltern wissen nicht, was ihre Kinder online tun und ob sie überhaupt in ihrem Alter schon auf Social Media sein dürfen und welche Spiele sie laut den PEGI-Alterskennzeichnungen verwenden dürfen. Wir müssen Brücken bauen: Elternabende zu digitaler Bildung, einfache Erklärvideos oder sogar gemeinsame Projekte, bei denen Kinder ihren Eltern zeigen, was sie lernen.
3. Neugierde fördern - nicht verbieten
Kinder sind von Natur aus neugierig. Wenn sie KI oder YouTube nutzen, sollten wir das nicht verbieten, sondern begleiten und lenken. Statt zu sagen: „Das darfst du nicht!“ können wir fragen: „Wie funktioniert das? Was denkst du, ist das eine gute Antwort?“ So lernen sie, kritisch zu denken.
– März 2026