Von TFA Fellows zu Gründerinnen: Zwei TFA Alumnae über den Aufbau ihres Vereins Naschgarten
Marina Löbl und Carol Ann Thielsen waren gemeinsam TFA Fellows 2017. Zwei Jahre nach dem Social Leadership gründeten sie zusammen den Verein Naschgarten. Im Gespräch erzählen sie von ihrer Erfahrung bei Teach For Austria und ihrer Gründungsgeschichte.
TFA Alums Marina Löbl (links) und Carol Ann Thielsen (rechts)
Zum Einsteig: Du warst TFA-Fellow 2017. Wo hast Du das erste Mal von Teach For Austria gehört und warum hast Du Dich damals entschieden, Dich für das zweijährige Social Leadership Programm (früher “Fellowprogramm”) von Teach For Austria zu bewerben?
Marina: "Ich war am Ende meines Studiums auf der BOKU und habe auf diversen Job-Plattformen immer wieder die Anzeige von Teach For Austria gesehen. Am Anfang war ich mir noch unsicher, ob ich mich bewerben sollte, weil ich keine beruflichen Erfahrungen mit Kindern hatte, aber irgendwann habe ich gedacht, „Egal, ich probiere es einfach!“. Die Vision hatte mich einfach überzeugt."
Carol Ann: "Im Grunde war die gute Bewerbung des Programms daran Schuld. Ich wusste, dass ich nach Wien ziehen würde und wollte nach dem Studium endlich ins Tun kommen und einer Arbeit nachgehen, die mich mit Sinn erfüllt. Was ich niemals wollte: Lehrerin werden. Auf meiner Jobsuche sah ich in mehreren Portalen die Ausschreibung von TFA. Und egal wie ich es drehte und wendete, das Leadership Programms klang inhaltlich genau nach dem, wonach ich gesucht hatte (bis auf das kleine Detail mit dem Unterrichten) und so entschied ich mich kurzerhand mich zu bewerben."
Du warst dann TFA-Fellow in der Mittelschule. Was waren dort Deine größten Herausforderungen und was hast Du dabei gelernt?
Marina: "Ich war zu Beginn in einer ganz besonderen Situation: meine Schule wurde in dem Schuljahr eröffnet und uns fehlte es in den ersten Wochen sogar noch an Grundausstattung wie Tafeln und Schulbücher. Mit mir fingen 20 weitere Junglehrer:innen an. Hierdurch entstand ein besonderes Klima: wir alle waren motiviert und hatten die Chance, Strukturen von Grund auf mitaufzubauen. Gleichzeitig hatten wir keine erfahrenen Lehrkräfte an unserer Seite auf deren Wissens- und Erfahrungsschatz man zurückgreifen konnten. Dies war eine große Herausforderung. Auch war der Anteil der Kinder mit außerordentlichem Status sehr groß – in manchen Klassen über 50 %. Differenzierung und sprachsensibler Unterricht sowie Classroom Management waren wichtige Themen."
Carol Ann: "Für mich war die größte Herausforderung mich plötzlich in einer Verantwortungsrolle wiederzufinden und dabei das Gefühl zu haben, dass ich keine wirkliche Ahnung habe, was ich da eigentlich tu. Ich bin gern gut vorbereitet und für alle Eventualitäten gerüstet und nichts könnte weiter von diesem Anspruch entfernt sein als das Fellow-Dasein – zumindest zu Beginn. Was ich dabei aber sehr schnell gelernt habe ist, flexibel zu werden und schnell kreative Lösungen zu finden. Ich habe heute viel weniger Angst mich neuen Herausforderungen zu stellen. Aber das wichtigste Learning war tatsächlich, dass ich die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen liebe und genau bei dieser Zielgruppe meine berufliche Zukunft sah."
Zu den Personen
Marina Löbl und Carol Ann Thielsen waren Teach For Austria Fellows 2017. Nach ihrer Teilnahme am Social Leadership Programm gründeten sie 2021 die gemeinnützige Organisation Naschgarten, die die Vision verfolgt, Menschen ein gesundes Leben in Verbindung mit der Natur zu ermöglichen. Im 10. Bezirk haben sie einen einzigartigen Ort geschaffen, an dem sie ernährungs- und umweltpädagogische Angebote umsetzen.
"Ich habe heute viel weniger Angst mich neuen Herausforderungen zu stellen"
Was genau machst Du jetzt beruflich?
Marina: "Nach meiner Zeit bei TFA habe ich für zwei Jahre an der Wirtschaftsuniversität Wien in der Lehr- und Lernentwicklung gearbeitet. Nach einer schweren Operation habe ich mir gedacht, dass ich mein Leben nicht länger vor einem Computer verbringen möchte und habe über Carol Ann von einem ähnlichen Umweltbildungsprojekt in Deutschland erfahren und mir gedacht, „Das ist es, war ich auch machen will!“. Wenig später haben wir den Naschgarten gegründet, an Inkubatorenprogrammen teilgenommen und angefangen das Gelände aufzubauen. Mit der Gründung des Naschgarten habe ich mir meinen Traumjob erschaffen: ich kann ohne strenge Strukturen an unserer Vision, Menschen ein gesundes Leben in Verbindung mit der Natur zu ermöglichen, arbeiten."
Carol Ann: "Noch während meinem dritten und letzten Jahr an der Schule nahm ich ein berufsbegleitendes Studium der Sozialen Arbeit auf weil ich wusste, dass ich definitiv weiter mit jungen Menschen arbeiten möchte, nur mittelfristig in einem außerschulischen Setting. Nach der Fellowzeit übernahm ich zunächst in einem Verein in Norddeutschland die pädagogische Leitung eines Gartenprojekts mit Kindern. Danach habe ich 2021 zusammen mit meiner Fellow-Kollegin und Freundin Marina in Wien den Verein Naschgarten gegründet. Auch hier habe ich die pädagogische Leitung und bin für die Natur- und gesundheitspädagogischen Angebote des Vereins verantwortlich."
Wärst Du denkst Du ohne Teach For Austria denselben Weg gegangen, den Du jetzt gegangen bist?
Marina: "Nein, denn ohne TFA wäre ich wahrscheinlich nicht in die Bildungswelt eingetaucht und hätte mir nicht das Netzwerk aufbauen können, dass es zur Gründung einer Bildungsorganisation braucht."
Carol Ann: "Ich kann es mir nicht vorstellen, da ich nach meinem Studium nicht vorhatte mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, geschweige denn noch einmal zu studieren. Und hätte mir jemand vor zehn Jahren erzählt, dass ich selbst einmal einen Verein gründe und mein Arbeitsalltag von Kindern umringt zwischen Beeten und am Lagerfeuerkessel stattfindet, hätte ich diese Person wahrscheinlich für verrückt erklärt."
"Mit der Gründung des Naschgarten habe ich mir meinen Traumjob erschaffen."
Wie nutzt Du das Netzwerk von Teach For Austria?
Marina: "Das zweijährige Programm ist eine sehr intensive Zeit, die zusammenschweißt. Persönlich habe ich Freundschaften geschlossen, die mein Leben bis heute bereichern. Beruflich ist es ein riesiger Vorteil, Teil dieses großen Netzwerks zu sein, denn durch die Diversität und Erfahrungen, die alle mitbringen und die niedrige Hemmschwelle das Netzwerk zu aktivieren, hat man Zugang zu vielerlei Möglichkeiten."
Carol Ann: "Das Potential des internationalen Netzwerks habe ich mir eigentlich noch gar nicht zunutze gemacht, aber auf lokaler Ebene hat mir TFA zunächst einmal enge Freundschaften ermöglicht, für die der Grundstein während der Sommerakademie gelegt wurde. Ich war ganz neu in Wien und war plötzlich umgeben von Menschen, die etwas bewegen wollen und mit denen ich essenzielle Werte teile. Dafür bin ich bis heute dankbar. Und als Gründer:innen im Bildungsbereich profitieren wir regelmäßig vom großen TFA-Netzwerk. Zu fast allen Fragen oder Problemen finden sich schnell passende Ansprechspersonen. Während der Gründungsphase und Absolvierung des Gründungsprogramms Future Wings Challenge, wurde uns z. B. Gebhard Ottacher zur Seite gestellt, was sehr wertvoll war. Und allein schon der E-mailverteiler ist goldwert."
Was würdest Du einer Person raten, die gerade mit dem Gedanken spielt, zwei Jahre das Social Leadership Programm von Teach For Austria zu machen?
Marina: "Auf jeden Fall bewerben und sich auf eine herausfordernde, intensive, aber auch sehr schöne Zeit bereit machen, die zwar einen oft and die Grenzen bringt, aber das weitere Leben sehr bereichert."
Carol Ann: "Ich bin um einen großen Erfahrungsschatz reicher und mit einer klaren beruflichen Vision aus dem Programm herausgegangen und ich denke so geht es vielen Absolvent:innen. Somit kann ich das Programm allen ans Herz legen, die die Chance auf zwei Jahre voller neuer Erfahrungen wahrnehmen wollen an deren Ende womöglich völlig neue (berufliche) Perspektiven warten."
Und noch als Abschluss: Was bedeutet Leadership persönlich für Dich?
Marina: "Mit gutem Beispiel vorangehen und an andere glauben."
Carol Ann: "Für mich bedeutet Leadership vor allem Selbsterkenntnis nachzustreben, sich immer wieder zu hinterfragen und im Einklang mit den eigenen Werten zu leben und zu handeln."
"Hätte mir jemand vor zehn Jahren erzählt, dass ich selbst einmal einen Verein gründe und mein Arbeitsalltag von Kindern umringt zwischen Beeten und am Lagerfeuerkessel stattfindet, hätte ich diese Person wahrscheinlich für verrückt erklärt."
Und noch als Abschluss: Was bedeutet Leadership persönlich für Dich?
Marina: "Mit gutem Beispiel vorangehen und an andere glauben."
Carol Ann: "Für mich bedeutet Leadership vor allem Selbsterkenntnis nachzustreben, sich immer wieder zu hinterfragen und im Einklang mit den eigenen Werten zu leben und zu handeln."
– Juli 2026