Wenn Sprache zum Experimentierfeld wird

Sumaya Fahrner, TFA Fellow 2024, erzählt von dem Poesieclub in ihrer Mittelschule in Oberösterreich, den sie mit Kolleg:innen gemeinsam gegründet hat. Sie schreibt von der Motivation hinter dem Projekt und wie Sprache und Poesie dazu beitragen kann, Kinder auf verschiedenste Arten zu stärken. 

Zwei Personen arbeiten an Bastelarbeiten auf einem Bibliothekstisch; eine Person versteckt ihr Gesicht mit einem Blatt.

Zur Person

Sumaya Fahrner war vor ihrem Start als TFA Fellow 2024 in der offenen Kinder und Jugendarbeit, DaF/DaZ Lehrerin und hat ein Kinderbuch und mehrere Poesie Bücher geschrieben. Im Social Leadership Programm ist die als TFA Fellow an einer oberösterreichischen Mittelschule tätig. Sie ist begeistert von kreativen Lernräumen, Sprache und Wissenschaft. Dafür schafft sie Räume, in denen Kinder ihre Stärken entdecken, ihre eigene Stimme finden und Lernen als etwas Lebendiges erleben.

Wie der Poesieclub Wortspiel Schüler:innen dabei unterstützt, ihre Stimme zu finden.

Manchmal braucht es gar nicht viel. 

Einen Raum, ein paar Wörter. Und die Erlaubnis, sie auf seine ganz eigene Weise zusammenzusetzen. 

Genau daraus entstand unser Poesieclub MÜHO (Münichholz) Wortspiel– ein Talenteförderangebot für Schüler:innen jeder Schulstufe, die Freude am kreativen Schreiben haben oder neugierig darauf sind, Sprache einmal anders kennenzulernen.

Dabei ging es nie darum, perfekte Gedichte zu schreiben. Vielmehr wollten wir einen Raum schaffen, in dem Jugendliche Sprache als Ausdrucksmittel erleben können.

Warum Poesie? 

Im regulären Deutschunterricht begegnen Schüler:innen Gedichten häufig analytisch: Sie untersuchen Reime, Stilmittel oder Interpretationen. 

Und sogar das kommt an den Mittelschulen oft viel zu kurz. Und dann fehlt auch noch oft der Bezug. Die meisten haben noch nie ein Gedicht gehört (außer: eine Maus kommt ins Haus). Und wer von den Kindern und Jugendlichen, die Deutsch als Zweitsprache lernt, soll denn eine hundert Jahre alte Sprache verstehen, wenn das schon für Deutsch - Erstsprachler schwierig ist. Und wer bitte ist dieser Göthe-Typ?

Im Poesieclub wollten wir den Blick umdrehen. 

Nicht zuerst fragen: “Was wollte der Autor vor 200 Jahren sagen?” Sondern: “Was möchtest DU sagen?” 

Die Kinder und Jugendlichen lernten immer eine bestimmte poetische Form kennen – vom Elfchen über Haikus bis hin zur konkreten Poesie – und nutzten diese als Ausgangspunkt für eigene Texte. 

Dadurch entstanden sehr unterschiedliche Zugänge: spielerische, humorvolle, nachdenkliche und manchmal auch überraschend persönliche Texte.

 

Talentförderung beginnt mit Interesse 

Der Poesieclub war als offenes Talenteförderangebot ausgeschrieben. Zu Beginn nahmen viele Schüler:innen teil. Im Laufe des Semesters kristallisierte sich jedoch eine kleinere Gruppe heraus, die regelmäßig wiederkam und mit großer Begeisterung schrieb.

Gerade darin zeigt sich für mich ein wichtiger Aspekt von Begabungsförderung: Ich finde, Talente zeigen sich nicht ausschließlich durch außergewöhnliche Leistungen. 

Sie zeigen sich oft dort, wo Menschen freiwillig Zeit investieren, neugierig bleiben und sich immer weiter vertiefen möchten. Denn Interesse ist häufig der Anfang von Begabung.

Kreativität mit Struktur 

Obwohl im Poesieclub viel Freiheit möglich war, arbeiteten wir nicht ohne Rahmen. 

Jede Einheit stellten wir eine neue Schreibform oder einen kreativen Impuls vor. Diese Struktur half den Jugendlichen, eigene Ideen zu entwickeln, ohne dass ihnen vorgeschrieben wurde, worüber sie schreiben sollten. 

Die Form gab Orientierung, der Inhalt blieb persönlich. Dadurch entstanden sehr unterschiedliche Texte – über Freundschaft, Sommer, Tiere, Angst, Hoffnung oder den eigenen Alltag.

"Ich finde, Talente zeigen sich nicht ausschließlich durch außergewöhnliche Leistungen."

Sumaya Fahrner, Fellow 2024

Hier eine Auswahl an Gedichten der Schüler:innen: 

Elfchen 

Kirche 

Groß, Kreuz 

Lieder werden gesungen 

wegen meiner verstorbenen Oma 

Leise 

Ängste 

Mobbing, Nadeln 

schlagen, stehen, schupsen 

Renn! Hilfe, traurig, allein 

Stopp

Haikus

Himbeeren im Wald 

sie schmecken nach Ferien

leicht süß, rot und rund 

Das starke Stürmen 

Donner, Blitz, Wind um die Ohren 

Unterm Dach versteckt

Wörterfall im Poesieclub

Lernen sichtbar machen

Den Abschluss bildete unser Wörterfall, eine Installation aus den entstandenen Texten. 

Beim Schulfest konnten Eltern, Lehrkräfte und andere Schüler:innen die Gedichte lesen. So wurde sichtbar, was im Laufe des Semesters entstanden war – und gleichzeitig erfuhren die Kinder und Jugendlichen, dass ihre Gedanken und Texte einen Platz im öffentlichen Raum bekommen dürfen. 

Der Poesieclub hat mir erneut gezeigt, wie viel Kreativität in jungen Menschen steckt, wenn wir ihnen Zeit, Vertrauen und geeignete Räume geben. 

Kreatives Schreiben fördert dabei weit mehr als sprachliche Kompetenzen. Es stärkt Selbstwirksamkeit, Ausdrucksfähigkeit und die Freude daran, eigene Gedanken ernst zu nehmen. Gerade deshalb wünsche ich mir, dass solche Räume auch künftig selbstverständlich Teil von Schule sind. 

Denn Begabungsförderung bedeutet für mich nicht, außergewöhnliche Kinder auszuwählen. Sie bedeutet, außergewöhnliche Lernräume zu schaffen. Denn oft zeigen sich Talente erst dann, wenn junge Menschen erleben, dass ihre Ideen willkommen sind.

Wenn ihr mehr von Sumaya lesen wollt: https://www.sumaya.at/rebelkind-blog

– Juli 2026

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