Damit die Bildungsschere durch die Corona-Krise nicht noch weiter aufgeht, braucht es gerade jetzt herausragende Persönlichkeiten, die den Unterschied machen. Daher suchen wir weiterhin Fellows für den Jahrgang 2021. Wir haben den Bewerbungsprozess vollständig digitalisiert –
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Hier findet ihr Einblick in die Arbeit unserer Fellows und unserer Organisation und welche Auswirkungen die Krise auf die Situation unserer Kids hat.

Martin – Was wir nicht sehen

Story von Lisa-Maria Sommer, Fellow 2014

Ein besonderer Schüler

Martin* ist ein besonderer Schüler, in vielerlei Hinsicht. Er ist in der Klasse der einzige Schüler mit österreichischen Eltern und Deutsch als Muttersprache. Außerdem ist sein Verhalten sehr besonders, besonders extrem. Entweder er sitzt – mit dem Kopf am Tisch liegend – im Unterricht, ist nicht ansprechbar und reagiert nicht, oder er sperrt sich stundenlang auf dem Klo ein. Oder aber er ist sehr impulsiv, schmeißt in einem Anfall Tische und Sessel um, stürmt hinaus und lässt seine Aggression an Türen und Wänden aus.

Ich stehe als neue Fellow in der Klasse und sein Verhalten lässt bei mir viele Fragen offen. Was ist der Grund dafür?

Gespräche geben wenig Aufklärung. Seine Klassenkamerad*innen haben mittlerweile gelernt mit seinem Verhalten umzugehen. Sie bleiben gelassen, einige nehmen sich seiner an und versuchen ihn zu beruhigen, wenn er wieder einmal ungestüm reagiert. Sie sind sein Verhalten seit Jahren gewohnt. Nach einigen Wochen und Monaten kann ich mir ein Bild von Martins Leben zusammenreimen. Seine Eltern sind getrennt, er hat keinen Kontakt zu seinem Vater, seine zwei Geschwister sind nicht mehr in der Obsorge der Mutter und sein Verhältnis zu ihr ist mehr als schwierig. Martin verwüstet wieder einmal die gesamte Klasse, diesmal geht er zu weit, er wird für einige Tage suspendiert. Als seine Mutter ihn von der Schule abholt, treffe ich sie zum ersten Mal. Sie schreit Martin an, er reagiert mit Ablehnung und Protest. Der Streit schaukelt sich auf, beide verlassen wutentbrannt das Schulhaus, werfen sich nicht einen Blick zu, die Mutter geht nach links, Martin nach rechts.

Die sozialen Gegebenheiten meiner Schüler*innen kann ich nicht beeinflussen, aber ich kann für sie da sein und so die Schule zu einer sicheren Konstante machen. Gemeinsam mit meinen Kolleg*innen habe ich intensiv mit Martin zusammengearbeitet und viele Stunden investiert. In der Schule ist er jetzt ein aufgeweckter Schüler, er lacht gerne, gehört zu den besten Sängern im Schulchor und hat seine Emotionen immer mehr im Griff. Die familiäre Situation von Martin hat sich geändert. Er lebt nun in einer Wohngemeinschaft mit sieben anderen Kindern. Ich versuche, Martin eine Bezugsperson in der Schule zu sein und führe zwei Mal pro Woche ein Einzelgespräch mit ihm. Martin erzählt mir, wie es ihm mit seiner Geschichte geht und wie er versucht damit umzugehen. Ich bin verblüfft, wie gut er seine Emotionen versteht und wie gezielt er sich weiterentwickeln will. Ich sage ihm, dass ich es toll finde, wie viel er über sich nachdenkt, sich kennt und an sich arbeitet.

Darauf antwortet er: „Das ist doch normal. Wir reflektieren in der WG täglich beim Abendessen über den Tag und sprechen darüber, wie wir morgen etwas besser machen können. Macht das nicht jeder so?“

Ich bin froh, dass Martin einen Ort gefunden hat, um sich weiterzuentwickeln und erwachsen zu werden. Gemeinsam arbeiten wir an seinem Ziel, sich auf die Schule zu konzentrieren, seine Noten zu verbessern, um nach der Pflichtschule eine Lehre zum Koch beginnen zu können. Martin ist auf dem richtigen Weg!

 

*Symbolfoto, Name anonymisiert

Verstanden