Teach For Denis

Eine Kurzgeschichte von Walter Emberger

„Hier in Österreich geht das nicht“,

höre ich Ende 2009 immer wieder, wenn ich begeistert von meinem Plan erzähle, Teach For Austria zu gründen. „Wir haben hier kein Harvard und keine Bronx“, lautet nur eine der Begründungen. Trotzdem bleibe ich von der Idee überzeugt: die motiviertesten Leute eines Jahrgangs an die herausforderndsten Schulen ihres Landes zu bringen. Ich finde diese Idee auf Anhieb einfach genial und genial einfach. Zu diesem Zeitpunkt gibt es „Teach For“-Programme bereits in acht anderen Ländern weltweit. Warum also nicht auch in Österreich? Aber selbst diejenigen, die meinen Plan gut finden, machen mir wenig Mut: „Tolle Idee, aber Sie werden hier in Österreich keine Top-Hochschulabsolventen finden, die in Hauptschulen und Mittelschulen unterrichten wollen.“ Oder: „Schüler in diesen Schulen brauchen Sozialarbeiter, die an den Defiziten arbeiten.“ „Wenn wir uns immer nur auf Defizite konzentrieren, wo bleibt da die Zeit für die Entwicklung der Potenziale?“, stelle ich als Gegenfrage, die meist unbeantwortet bleibt.

 

Haben Sie einen guten Job?

Vor der Gründung von Teach For Austria besuche ich etliche Schulen, um noch mehr über den Kontext der Schüler zu erfahren. Einer meiner ersten Schulbesuche führt mich an eine Mittelschule im Wiener Bezirk Favoriten. Durch die Zeitungslektüre voreingenommen, erwarte ich schlimme Zustände, aber alles, was ich sehe und erlebe, ist ganz anders als erwartet: Ich treffe auf fröhliche, aufgeweckte und aufmerksame Kinder. Als ich in der Aula sitze und auf das Gespräch mit dem Direktor warte, spricht mich vom Nachbartisch Denis, ein zwölfjähriger Junge mit schwarzen Haaren, an. „Haben Sie einen guten Job?“, fragt er mich und schaut mir neugierig in die Augen. Seine beiden Freunde beobachten eher zurückhaltend, was als nächstes passiert. „Was ist denn ein guter Job für dich?“, frage ich zurück. „Dass man so einen schönen Anzug tragen kann wie Sie und sich bei der Arbeit nicht schmutzig macht“, antwortet er mir. Denis weiß, was für ihn ein guter Job ist. Es zeigt sich aber schnell, dass er von sich glaubt, keine Aussichten auf so einen Job zu haben. Denis ist, so weiß ich mittlerweile, einer von vielen. Einer von vielen jungen Menschen, die nicht an sich selbst glauben, weil niemand sonst an sie glaubt, und viele nur wenig von ihnen erwarten. Dabei hat er schon heute für mich alles, was ein guter Vertriebsmitarbeiter haben sollte: Er tritt sicher auf, spricht deutlich und korrekt, bindet mich durch Fragen ein, steuert unauffällig die Konversation, ist sympathisch. Allein in den wenigen Minuten unseres Gesprächs sehe ich sein Potential. Später erfahre ich, dass Denis mit seinen Eltern nach dem Krieg aus Bosnien ausgewandert ist und dass er es von Beginn an in Österreich alles andere als leicht hatte.

Nach dem Gespräch mit Denis wandern meine Gedanken in meine eigene Schulzeit zurück. Früher war Lernen für mich etwas, das mal besser und mal weniger gut geklappt hat – der eigene Einfluss schien mir eher gering. Ich erinnere mich an meinen Volksschullehrer Herrn Posch, der an mich geglaubt hat und der die Gabe hatte, uns Schüler immer so zu motivieren und zu loben, dass sich alle anderen mitfreuen konnten. Der meinen Eltern geraten hat, mich ins Gymnasium zu schicken. „Es zu probieren“, so kam es bei mir an. Ich hatte diesen Lehrer, und ich hatte die Eltern, die auch an mich glaubten, obwohl noch niemand in der Familie Erfahrung mit diesem Schultyp hatte.

 

Der Einfluss der Bildungsbranche in unsere Zukunft

Oft, wenn ich die Idee von Teach For Austria vorstelle, erinnern sich die Menschen an ihre eigene Schulzeit. Sie erinnern sich, wem sie Chancen zu verdanken haben, wer ihre guten Lehrer waren. Viele kommen dann auf ihre eigenen Kinder zu sprechen, und da höre ich oft Dinge wie „Augen zu und durch“ oder „Das überstehen wir auch noch“. Manche haben aber auch schon mit der öffentlichen Schule in Österreich abgeschlossen: „Für uns kommen nur Privatschulen in Frage.“ Als Unternehmensberater habe ich viele Branchen gesehen. Seitdem weiß ich, dass jedes Unternehmen, jede Organisation, immer nur so gut sein kann wie seine besten Mitarbeiter. Durch ein Beratungs-Projekt bin ich in die Bildungsbranche gekommen. Dort hat sich für mich bestätigt: Es gibt keine Branche, die einen größeren Einfluss auf unsere Gesellschaft und auf unsere Zukunft hat. Lehrer ist einer der wichtigsten Berufe für die Zukunft von jungen Menschen und damit unseres Landes, das außer diesen jungen Menschen nicht viele Ressourcen hat. Was ich mich aber auch schnell fragte: Berater – und nicht nur diese – schicken ihre motiviertesten und besten Leute auf die schwierigsten Projekte, Unternehmen schicken ihre besten Kundenbetreuer zu den anspruchsvollsten Kunden. Wenn das überall so ist, warum nicht die besten Leute eines Jahrgangs an die herausforderndsten Schulen des Landes bringen?

Immer wenn ich heute, drei Jahre nach der Gründung, in Fellow-Klassen sitze und ihren Unterricht verfolge, schaue ich mich nach Denis um. Den „echten“ Denis habe ich nie wieder getroffen, aber ich finde in jeder Klasse mindestens einen Schüler, der mich an ihn erinnert. Und ich sehe die Fellows, die zusammen mit anderen Lehrern die Potentiale jedes einzelnen Kindes fördern. Die alles tun, um Hindernisse zu überwinden. Ich höre sie die Frage stellen, die ich Denis damals hätte stellen sollen: „Warum glaubst du denn, dass du nicht auch wie ich einen guten Job bekommen kannst?“

Wenn ich den echten Denis eines Tages wiedertreffe, werde ich ihm sagen, was ich mir für ihn wünsche: Lehrer und Schüler, die gerne in die Schule gehen; Schulen und Umwelt harmonisch verschränkt; Kinder, die ihre Potenziale entfalten können und den Übergang von der Pflichtschule in den Arbeitsmarkt oder in eine weiterführende Ausbildung gut schaffen. Kinder, die vorbereitet sind auf eine komplexe Welt und die lebenslang lernen wollen – nicht müssen. Und ich werde ihm „Danke“ sagen. Denn nicht zuletzt das kurze Gespräch mit Denis in der Schule in Favoriten hat mir endgültig die Sicherheit gegeben, dass es richtig und notwendig war, Teach For Austria zu gründen. Deshalb ist Teach For Austria auch ein Stück weit „Teach For Denis“.

Und ja, ich habe einen guten Job.

 

Verstanden